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5. und letzter Teil von

Blood Ties – Gifted 2


Autor: foxy [at] harperfront.com

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Die kleine Gruppe betrat Diannes Appartement. Die Frau blieb vor der Wand stehen, hinter der sich, wie Henry wusste, der versteckte Raum befand. Er fragte sich, was sie hier wollten. Der Raum war eine Sackgasse. Doch er sagte nichts, sondern wartete nur.
Dianne betätigte den Mechanismus, der die verborgene Tür entriegelte. Sie schlüpfte hindurch.
Erneut folgten ihr die Anderen wortlos.
Als Mike das offensichtlich benutzte Bett in dem kleinen Raum sah, in dem sich sonst nur noch ein Tisch und zwei Stühle befanden, warf er einen Blick auf den Vampir. Hier schlief er also tagsüber. Allerdings fragte er sich, was das jetzt sollte. Warum zeigte sie ihnen ausgerechnet jetzt dieses Zimmer? Oder gab es möglicherweise einen weiteren Ausgang? Wenige Sekunden später bestätigte sich sein Verdacht. Die Frau betätigte erneut einen versteckten Mechanismus und eine zweite Tür öffnete sich.
Henry gab einen überraschten Laut von sich.
"Dachtest du ernsthaft, ich habe diesen Raum nur für meine Vampirliebhaber gebaut?", schnappte Dianne. Es war nicht zu überhören, dass sie noch immer sauer auf ihn war.
Der Vampir erwiderte nichts. Die Frau hatte anscheinend auch nicht mit einer Antwort gerechnet, denn sie verschwand im Dunkeln. Einen Moment später flammte Licht auf, so dass auch für die Menschen eine Treppe sichtbar wurde.
Mike ging voran. Celia und Steve folgten ihm. In der Tür blieb die Frau stehen und musterte Henry nachdenklich. Ihre Blicke trafen sich. Einen Augenblick lang schauten sie sich lediglich an. "Kommen Sie?", fragte Cel letztendlich.
Henry nickte und folgte ihr die Treppe hinunter.
Ihre Schritte waren auf den steinernen Stufen erstaunlicherweise kaum zu hören. Nach einiger Zeit, Henry schätzte, dass sie etwa 20 Meter in die Tiefe gegangen waren, erreichten sie einen Tunnel. "Wo lang?", fragte Celluci und blickte in beide möglichen Richtungen.
Dianne zuckte nur mit den Schultern. "Ich weiß es nicht. Er könnte hier unten überall sein. Das Gewölbe ist wie ein Labyrinth angelegt."
"Na fantastisch." Mike stöhnte. "Sie haben nicht durch Zufall eine Karte, an der wir uns orientieren können?"
"Nein. Sonst würde das Labyrinth seinen Zweck nicht erfüllen. Allerdings habe ich den Grundriss im Kopf."
"Wie bringst du ihm sein Essen?", fragte Celia.
"Er holt es sich ab. Oben, in der Kammer. Sie ist unser Treffpunkt."
"Heißt das, ihr habt euch dort getroffen, während ich geschlafen habe?"
Dianne sah ihn nur abweisend an. Aber das war Henry Antwort genug. Er schluckte. Wieder einmal wurde ihm seine Verwundbarkeit bewusst, wenn er sich in den Fängen des Tages befand.
"Wie nett." Ein fast schon spöttisches Lächeln umspielte die Lippen des Detectives. Doch der Vampir reagierte nicht darauf. Er schärfte seine Sinne und versuchte, die richtige Richtung zu ermitteln.
"Wie sollen wir sie hier unten finden, wenn sie wirklich hier ist?", fragte Steven leise. Aus seiner Stimme klang Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Und so fühlte er sich auch. Er hatte als Vater versagt. Wieder hatte er seine Tochter nicht schützen können. Wieder hatte er sie im Stich gelassen. Und jetzt waren sie hier unten in einem Labyrinth, das sich vermutlich über die Länge von Kilometern erstreckte. Und ihr Schicksal lag in den Händen eines Mannes, den sie nicht kannten und der hier unten überall sein konnte. Wenn er nicht gefunden werden wollte, dann würden sie hier Tage lang herumirren. Wer wusste schon, was er mit Sarah gemacht hatte? Steven schnürte sich die Kehle zusammen. Ihm war zum Heulen zumute.
"Hey. Wir finden sie." Celia war zu ihm getreten und flüsterte fast. Der Mann antwortete nicht darauf, sondern sah sie nur traurig an. Sanft strich sie ihm über die Wange.
Steven zog sie heran und presste sie an sich. Er spürte ihre Nähe und ihre Wärme.
"Alles wird gut.", hörte er sie leise flüstern. Er nickte und ließ sie dann los.
"Hier entlang.", erklang plötzlich Henrys Stimme. Er ging zielstrebig nach links.
Celia und Steve sahen Mike fragend an, doch der zuckte nur mit den Schultern. "Besser als hier nur herumstehen."
Sie folgten dem Vampir den Gang entlang. Immer wieder gab es Abzweigungen nah rechts und links, doch Henry ließ sie unbeachtet liegen. Er marschierte strikt weiter den Hauptgang entlang.
"Wartet.", rief Celia plötzlich. Henry wandte sich knurrend um. Er trug sein zweites Gesicht. Die Frau wich einen Schritt zurück und ergänzte leiser: "Dianne ist weg."
"Was? Wann?", reagierte Mike verwirrt.
"Ich weiß es nicht. Als ich mich gerade umdrehte, war sie nicht mehr hinter mir."
"Sie kann doch nicht einfach verschwinden."
"Dank der vielen Seitengänge schon.", erwiderte Henry, der wieder menschlich wirkte.
"Sie ist die einzige Person, die sich in diesem Labyrinth auskennt." Steven blickte von Einem zum Anderen.
"Verdammt!", fluchte Mike. Er wusste, was das bedeutete. Sie hatten nur zwei Möglichkeiten. Die Suche abbrechen und den Hauptgang zurückgehen oder sich hier unten verirren ohne Aussicht auf Rückkehr. Wäre er allein gewesen, hätte er sich vermutlich für Zweiteres entschieden, aber Celia und Steven waren dabei. Und für die hatte er die Verantwortung. Er konnte nicht zulassen, dass sie gefährdet wurden. "Wir müssen umkehren.", stellte er daher fest.
"Nein.", widersprach Celia.
"Cel. Wir haben keine andere Wahl. Ohne Dianne verlaufen wir uns hier. Aber wenigstens wissen wir jetzt, was wir von ihr zu halten haben."
"Nein. Du hast Unrecht. Sie versucht nur ihren Sohn zu schützen."
"Ach ja, und wir versuchen, seine Tochter zu retten." Die Stimmen der Geschwister waren lauter geworden.
"Ich glaube nicht, dass es hilfreich ist, wenn ihr euch jetzt streitet.", mischte Henry sich ein.
"Halt die Klappe!", fauchten beide ihn zeitgleich an.
Unter normalen Umständen hätte Steven die Situation als komisch empfunden. Obwohl sie sich mal wieder stritten, schwangen sie trotzdem auf der gleichen Wellenlänge und vereinten sich gegen einen potentiellen Feind. Die beiden waren sich sehr ähnlich, stellte er zum wiederholten Male fest. Vermutlich zu ähnlich. So heftig sie sich liebten, so heftig konnten sie sich auch streiten.
"Henry hat Recht.", meinte er schließlich, bevor die Beiden wieder Schwung holen konnten.
Mike und Celia sahen ihn an, dann wieder sich. Mike schnaufte und ließ die Schultern sinken. Er trat auf seine Schwester zu und lehnte ihren Kopf an sein Kinn. Er spürte, wie sie sich entspannte.
"Wir können nicht aufgeben.", flüsterte sie. "Wir müssen Sarah finden."
"Aber was ist, wenn wir uns verlaufen?", erwiderte er ebenso leise.
Celia stieß sich von ihm ab. Sie dachte nach. Ihr Blick fiel auf Henry. Sie neigte den Kopf und musterte ihn nachdenklich. "Stimmt es eigentlich, dass Vampire selbst den kleinsten Blutstropfen riechen können, auch wenn er schon Tage alt ist?"
"Ja." Henry nickte.
"Gut."
Ehe Mike eingreifen konnte, hatte Celia von ihrer Fessel ein Messer gelöst und sich in eine der linken Fingerkuppen geritzt. Sie verzog kurz das Gesicht. Dann schmierte sie etwas von ihrem Blut an die Wand.
"Es ist zwar nicht der Faden der Ariadne, aber es dürfte seinen Zweck erfüllen."
Henry grinste und nickte anerkennend. Die Frau gefiel ihm von Minute zu Minute besser. Mike realisierte seinen Blick und knurrte leise: "Vergiss es!"
"Ich glaube nicht, dass das Ihre Entscheidung ist, Detective.", erwiderte der Vampir kaum hörbar.
"Nein. Aber ich habe immer noch die Möglichkeit, Ihnen am Tage den Garaus zu machen, wenn Sie es auch nur versuchen."
Henry grinste nur breit. Also drängte sich Mike an ihm vorbei und ging schnurstracks den Gang weiter hinunter. Ein paar Schritte folgte ihm der Vampir, dann blieb er jedoch an einer Abzweigung stehen, grinste noch breiter und rief: "Hier entlang, Detective."
Mike blieb stehen. Wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, dass er tief durchatmete, bevor er sich umdrehte. Er ging den Hauptgang zurück und bog in den Seitengang ein. Celia schmierte wieder etwas ihres Blutes an die Wand. Anstatt an ihr vorbeizugehen, blieb Mike stehen und nahm ihre linke Hand. Er besah sich die Schnittwunde.
"Das wird sich entzünden, wenn du so weitermachst."
"Ich weiß."
"Hast du wenigstens ein Taschentuch dabei?"
"Nein."
"Gib mir dein Messer."
Celia neigte den Kopf und sah ihren Bruder fragend an. Doch Mike blockte. Er hatte keine Lust auf lange Diskussionen. Also gab sie ihm widerstrebend ihr Messer.
Der Detective zog sein T-Shirt aus der Hose, stach mit dem Messer durch den Stoff und schnitt durch den Saum. Anschließend riss er einen schmalen Streifen heraus. Mit dem Ende säuberte er Celias Schnittwunde notdürftig, und wickelte den Streifen dann um ihren Finger. Die Enden verknotete er. Anschließend riss er einen weiteren Streifen aus seinem Shirt und wickelte ihn sich ums Handgelenk. Das Messer behielt er in der linken Hand, während er den rechten Arm um Celias Schultern legte und sie voran schob. Sie setzte an, zu protestieren, doch das laute, keinen Widerspruch duldende Nein in seinem Kopf zeigte offensichtlich Wirkung. Sie verstummte seufzend, ließ die Schultern sinken und folgte widerstrebend den Anderen.

***

Eine Stunde irrten sie mittlerweile durch die Gänge. Ohne auch nur den Hauch einer Spur von Sarah. Henry ging noch immer zielstrebig voran. Er hatte seit dem letzten Disput nicht mehr gesprochen.
"Hey!" Mikes laute Stimme brachte ihn zum Stehen. Er wandte sich um.
Henry wartete, bis das Trio zu ihm aufgeholt hatte. "Was?", fragte er den Detective scheinbar gelangweilt.
"Wissen Sie eigentlich, wo Sie hinlaufen, oder raten Sie die ganze Zeit nur?"
"Im Gegensatz zu Ihnen, laufe ich nicht einfach drauf los."
Mike ging auf die Provokation nicht ein. "Woran orientieren Sie sich?"
"Am Geruch."
"Sarahs Geruch?" Steven mischte sich ein. Der Vampir nickte. "Also ist sie hier unten." Henry nickte erneut. Hoffnung glimmte im Gesicht des Vaters auf. "Worauf warten wir dann noch? Gehen Sie weiter."
Mike hob den Arm, um zu protestieren, doch diesmal war es an Celia, die ihn daran hinderte. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm, und drückte ihn wieder runter. "Komm.", forderte sie leise.
Der Detective seufzte.
Henry nahm die Spur wieder auf. Sie war zwischenzeitlich deutlich stärker geworden. Er rechnete damit, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis sie auf das Mädchen stießen. Er hoffte nur, dass sie noch am Leben war. Dessen war er sich nämlich schon seit längerem nicht mehr so sicher.
Dianne hatte zwar behauptet, dass sie ihren Sohn hier unten verbarg, um ihn zu schützen. Aber was war, wenn er Blut brauchte, um zu leben? So wie er. Wenn er ein Vampir war, der ohne Mentor aufwuchs, dann war er möglicherweise immer noch das blutrünstige Raubtier, das jeder Verwandelte in den ersten Monaten war. Dianne wäre ihm eine gute Quelle und vielleicht hatte sie ihn auch unter Kontrolle, aber was war, wenn sie nicht bei ihm war? Offensichtlich hatte er sich auch einfach das Mädchen geschnappt. Aber war er wirklich ein Vampir? Hatte Dianne nicht gesagt, sie hätten sich getroffen, während er in den Fängen des Tages war? Nein, das hatte er vermutet, sie hatte lediglich nicht darauf geantwortet.
Plötzlich war Lachen zu vernehmen. Es war so leise, dass Henry bezweifelte, dass die Anderen es gehört hatten. Er wandte den Kopf. An den Gesichtern der Drei war nichts zu erkennen. Sein Blick traf sich mit dem von Celia. Er lächelte ihr zu. Zu seiner freudigen Überraschung erwiderte sie es. Ihr Lächeln wirkte zwar müde, aber es war ein Lächeln. Nur das zählte.
Henry ging noch einige Schritte weiter, bis er eine erneute Abzweigung erreichte. Er bog in den Seitengang ein. Er konnte hören, wie Celluci hinter ihm den Gang mit seinem Blut markierte. Noch stärker jedoch nahm er den vertrauten Geruch war. Seine Sinne erinnerten sich an den Geschmack des Blutes des Polizisten. Wie lange war es her, dass er von ihm getrunken hatte? Für einen Vampir noch nicht sehr lange. Dank Javier Mendoza hatte er den Räuber in sich nicht mehr kontrollieren können. Wenn Vicky nicht gewesen wäre, dann wäre Michael Celluci jetzt tot. Wie vieles wäre dann anders gelaufen? Hätte Vicky sich ihm hingegeben? Henry runzelte die Stirn. Er war sich dessen nicht mehr so sicher wie noch vor einigen Monaten.
Das Lachen wurde lauter. Henry hob die Hand, um seine Kameraden zu stoppen. Auch denen war das Lachen diesmal nicht entgangen. Der Vampir deutete nach vorne. Mike und Celia nickten. Steven machte Anstalten, weiterzugehen, doch der Polizist hielt ihn zurück. Er gab ihm mit Handzeichen deutlich zu verstehen, dass er bleiben sollte. Der Mann sah nicht sehr glücklich aus. Mike sah Celia an und teilte ihr mental mit, dass sie bei ihm bleiben sollte. Widerstrebend nickte sie. Sie griff nach Stevens Arm und zog ihn zu Seite, wo sie sich auf den Boden hockten, während Henry und Mike weiterschlichen.

***

Rechts und links an die Wände des Ganges gepresst, gingen die beiden Männer immer weiter in Richtung des Lachens. Es war nicht das Lachen eines kleinen Mädchens, auch wenn es glockenhell klang. Doch die beiden Männer waren sich beide sicher, dass es nicht Sarah war. Weiter und weiter schlichen sie voran. Der Gang wurde immer heller.
Zum ersten Mal wunderte sich Mike, woher überhaupt das Licht kam. Auf der Treppe hatten normale Glühbirnen gebrannt, aber hier unten waren keine. Er schaute nach oben. An der Decke, etwa ein bis zwei Meter über ihm befand sich eine Art gläsernes Rohr, dass scheinbar mit einer fluoreszierenden Flüssigkeit gefüllt war. Er schüttelte den Kopf. Darüber konnte er sich später noch genug Gedanken machen.
Vor ihnen tat sich hinter einer Kurve ein großer Raum auf. Da der Gang keinerlei Deckung bot, konnte niemand, der in ihre Richtung blickte, sie übersehen. Mike fluchte innerlich.
"Huhu, Onkel Mike!", rief die kleine Sarah, die in der Mitte des Raumes auf dem Fußboden saß. Ihr gegenüber hockte jemand, dessen glockenhelles Lachen in diesem Moment verstummte. Die Person wirbelte herum.
Mike schluckte. Auch Henry starrte sein Gegenüber Sekunden lang nur entgeistert an.
Das Wesen knurrte leise.
"Nein. Nein. Es ist okay." Sarah war aufgesprungen und zu ihm getreten. Sie legte ihre Hand auf dessen Arm. "Das sind Onkel Henry und Onkel Mike. Die beiden sind okay."
Das Wesen sah sie einen Moment skeptisch an, doch dann nickte es.
Mike schluckte erneut. "Sie sind Aaron?" Ein Nicken seines Gegenübers bestätigte das. "Wow. Jetzt verstehe ich." Die Person oder das Geschöpf, Mike war sich nicht sicher, als was er es bezeichnen sollte, war so blass, dass Henry dagegen gut gebräunt aussah. Seine Haare waren schlohweiß und sehr fein. Die Augen leuchteten in dem extrem hellen Gesicht rot. Alles in allem wirkte er einerseits sehr jung und doch auch sehr alt.
"Ein Albino."
Mike wirbelte herum. "Jessus!", machte er nur noch, als er seine Schwester erkannte.
"Daddy!" Sarah lief zu ihrem Vater, der sie in die Arme schloss.
Aaron blieb in der Mitte des Raumes stehen. Sein Blick war auf die Frau geheftet.
"Musst du mich so erschrecken? Was machst du überhaupt hier? Ich hab doch gesagt, ihr sollt warten."
"Seit wann hören kleine Schwestern auf ihre großen Brüder?", erwiderte sie nur grinsend. Dann wandte sie sich zu Sarah und nahm das Mädchen in den Arm. "Ihr habt uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt."
"Tut mir Leid. Aber wir waren so ins Spielen vertieft. Und hier unten vergisst man die Zeit." "Wo sie recht hat, hat sie recht. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir schon hier unten sind." Steve zuckte mit den Schultern.
"Eine Stunde und 26 Minuten.", erwiderte Henry.
"Oh."
"Wir haben dich gesucht. Hättest du nicht jemandem Bescheid sagen können?"
"Ihr habt alle noch geschlafen und Aaron hat gesagt, dass es okay ist."
"Hat er das?" Mike sah den Albino stirnrunzelnd an. "Momentan ist er eher schweigsam."
"Er ist schüchtern." Sarah lächelte.
"Hm.", erwiderte der Polizist nur, ohne den Mann aus den Augen zu lassen. Er folgte dessen Blick, der auf seine Schwester geheftet war.
Celia sah Mike an. "Ich weiß."
"Was? Dass er dich beobachtet?"
"Ja, das auch. Er ist ein Telepath."
"Wieso verwundert mich das jetzt nicht?"
"Wo ist deine Mutter?" Henry trat näher an Aaron heran. Seine Stimme war tief und rauchig.
Der Mann neigte den Kopf. Verwirrung zeigte sich auf seinem Gesicht.
Celia fing an zu lachen. Das brachte Henry aus dem Konzept. Er sah sie irritiert an.
"Aaron wundert sich gerade, was Sie machen. Ob Sie eine Rolle spielen. So wie im Theater."
Henrys Gesichtsmuskeln verrieten komplette Verwirrung, während Mike anfing zu grinsen.
"Sieht so aus, als wäre nicht jeder so leicht zu manipulieren." Er lachte.
"Lassen Sie mich mal.", grinste Celia und trat zu Aaron. "Hi, ich bin Celia Celluci." Sie hielt ihm die Hand entgegen. Er nahm sie und hauchte einen Handkuss darauf, ohne den Blick von ihrem Gesicht zu nehmen.
"Aaron, die letzten Stunden waren für uns äußerst verwirrend. Vielleicht können Sie uns helfen, etwas Licht ins Dunkel zu bringen." Er nickte und lächelte. "Wir haben uns große Sorgen gemacht, als Sarah verschwand. Ohne Nachricht, ohne Hinweis. Und als Dianne uns von Ihnen erzählte ... Um ehrlich zu sein, da haben wir uns noch mehr Sorgen gemacht." Wieder nickte der Mann. "Als wir dann hier unten waren, hat Ihre Mutter uns einfach verlassen. Wir wissen weder, warum sie verschwand, noch wohin. Gewissermaßen hat sie uns unserem Schicksal überlassen, in dem Wissen, dass wir möglicherweise hier nie wieder rausfinden."
Aaron schloss die Augen und schüttelte den Kopf.
Celias Augen weiteten sich. "Hast du nie sprechen gelernt? Oh, verdammt!" Sie drehte sich um.
"Er kann nicht sprechen. Dianne und er haben seit seiner Geburt nur telepathisch kommuniziert."
"Wie vorausschauend. ", knurrte Mike. "Sie hatte also nie vor, ihn draußen leben zu lassen."
Im nächsten Moment vernahm er eine sanfte Stimme in seinem Kopf. 'Sie wollte mich schützen. Sie wusste, dass die Menschen nicht das in mir sehen würden, was ich bin. Erinnern Sie sich noch, wie Sie mich angesehen haben? Und was Sie dabei dachten?'
Mike schluckte, als er sich an seine ersten Gedanken zurückerinnerte. Die waren nicht sehr höflich gewesen.
"Was war seine Antwort auf die Frage nach Dianne?", hakte Steven nach. Natürlich wollte er wissen, woran er war. Immerhin hatten er und seine Tochter vor, hier zu bleiben. Aber konnten sie das, wenn sie der Leiterin nicht trauen konnten? Wenn die sie einfach dem Tode überlassen hätte? "Sie wollte ihn schützen und er vermutet, dass sie ihn sucht. Sie hatte sicherlich gehofft, dass sie ihn eher findet als wir."
"Und was wäre dann gewesen?"
Anstatt zu antworten sah Celia Aaron fragend an. Der wandte sich direkt an Steven. 'Ich weiß es nicht. Aber ich glaube nicht, dass sie Sie zurückgelassen hätte. Vielleicht hätte sie Sarah geholt und dann Sie.'
"Und Sie außen vor gelassen."
Aaron nickte.
"Ähm, wie wäre es mit simultaner Übersetzung?" Mike hob die Hand. Henry nickte zustimmend.
"Er denkt, sie hat nur Sarah suchen wollen und dann uns holen. Sie wollte nicht, dass wir ihn sehen."
"Okay, den Teil kann sie mittlerweile vergessen. Wird sie uns jetzt dafür töten, weil wir ihn gesehen haben?"
"Das hängt davon ab, was Sie jetzt gedenken zu tun." Die Stimme erklang klar und drohend. Alle hoben den Kopf. Dianne stand auf einer Brüstung über ihnen, hinter der offensichtlich ebenfalls ein Gang abzweigte. Anscheinend war das Labyrinth auch noch mehrgeschossig. In ihrer Hand befand sich eine Armbrust, deren Bolzen auf Henry gerichtet war. "Denke gar nicht erst daran. Du bist schnell, aber nicht schnell genug dafür. Sie wurde speziell für die Vampirjagd erschaffen."
Henry runzelte die Stirn. Er hatte keine Ahnung, ob das der Wahrheit entsprach. Allerdings hatte er tatsächlich weniger Chancen gegen sie, als ihm lieb war. Denn sie wusste, was er tun wollte, bevor er es tat. Leider hatte er nie gelernt, seine Gedanken gegen Telepathen abzuschotten. Was Celluci offensichtlich beherrschte. Er nahm sich vor, ihn bei Gelegenheit danach zu fragen.
Ehe er es sich versah, stand plötzlich Aaron direkt vor ihm. Henry starrte erstaunt auf den Rücken des Mannes.
"Aaron!? Was tust du?" Diannes Augen hatten sich entsetzt geweitet.
"Dianne." Celia trat neben Aaron und damit ebenfalls vor Henry. Wodurch sie ihn komplett abschotteten. "Lass es gut sein. Er will es nicht. Und er ist es leid, sich verstecken zu müssen. Er muss sich vor uns auch nicht verstecken. Du musst ihn vor uns nicht schützen." Sie schaute zu Steves Tochter und lächelte. "Und Sarah hat ihn richtig gern."
Die Frau auf der Brüstung schluckte sichtlich. Unentschlossen schaute sie von einer Person zur anderen. Dann ließ sie den Arm mit der Armbrust sinken.

***

"Ich hatte Hunger. Also bin ich aufgestanden und runter in die Küche gegangen. Und da war Aaron. Wir sind beide erschrocken." Sarah kicherte. Sie saß auf dem Schoß ihres Vaters im Speisesaal. "Und dann haben wir uns unterhalten. Also … ich meine, da drin." Sie deutete auf ihren Kopf. "Das war cool." Sie lächelte Aaron an, der ihr gegenüber saß.
"Aber du solltest doch nicht hier runter gehen." Dianne sah ihren Sohn verwirrt an. "Wieso?"
"Weil er auch Hunger hatte.", antwortete Sarah an seiner Stelle. "Er hatte nichts mehr zu essen und als du nicht da warst, wollte er sich selbst etwas holen." Aaron nickte zur Bestätigung und lächelte das Mädchen freundlich an. "Also habe ich ihm ein Sandwich gemacht. Und mir auch eins. Und nach dem Essen wollte er mir seine Zimmer zeigen."
"Seine Zimmer?" Mike hob ungläubig die Augenbrauen.
"Es gibt dort unten richtige Zimmer. Sie sind nicht viel anders eingerichtet als die hier oben.", erklärte Dianne.
"Das sah nicht gerade gemütlich aus, wo wir die Beiden gefunden haben.", erwiderte Henry.
"Nein, das war auch keines der Zimmer. Die Halle ist einer seiner der Lieblingsplätze."
"Au ja, weil da die Quallen leben."
"Die Quallen?" Celia sah Sarah fragend an.
"Ja, die leuchten im Dunkeln. Sie haben irgendwelche Bakterien in sich, die das machen. Und sie kommen dort im See an die Oberfläche."
"Biolumineszenz." Henry nickte. Jetzt erinnerte er sich auch an den unterirdischen See, der an der Seite der Halle gewesen war. Einige der Rohre, die überall in den Tunneln gewesen waren, liefen dort hinein. "So entsteht da unten auch das Licht."
"Ja, sie schwimmen durch die Röhren und beleuchten damit die Tunnel.", bestätigte Dianne.
"Das müssen Unmengen davon sein. Wer hat das System gebaut?"
Sie zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es nicht. Als ich noch jung war, erzählte mir meine Mutter von einem Volk, dass hier in der neuen Welt lebte. Es hat die Gewölbe gebaut. Aber meine Mutter kannte den Namen nicht. Sie hatte die Geschichten auch nur von Reisenden erfahren. Als ich aus Griechenland flüchten musste, erinnerte ich mich daran. Es hat eine Weile gedauert, bis ich den Ort aus den Erzählungen gefunden habe." Sie nickte, wie um ihre Erinnerungen zu bestätigen. "Ich habe die Schule dann so darüber gebaut, dass man an mehreren Stellen in die Gewölbe flüchten kann." "Nicht schlecht." Henry nickte anerkennend.
"Außerdem hat Aaron da unten viel Platz für sich."
"Wissen die anderen Schüler von ihm?", fragte Celia.
"Nein."
"Sie sollten es wissen."
"Warum?"
"Wenn sie wirklich eines Tages die Gewölbe zur Flucht nutzen müssen, sollten sie wissen, was beziehungsweise wer sie dort unten erwartet. Stell dir vor, was passieren würde, wenn jemand überreagiert aus Angst."
Dianne runzelte die Stirn. Aaron legte ihr den Arm auf die Schulter und nickte. "Du magst sie sehr?", fragte die Frau. Der scheinbar junge Mann nickte. Dianne wandte sich wieder an Celia.
"Vielleicht hast du Recht. Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, dass er mit anderen Lebewesen zusammenkommt. Euch kennt er ja zumindest schon."
"Er wird einer von uns sein. Und alle, die später kommen, werden ihn als gegeben hinnehmen. Niemand wird sich daran stoßen. Und wenn doch einmal jemand Probleme hat …" Cel zuckte mit den Schultern. "Er muss ja nicht mit jedem befreundet sein. Zumal er sowieso nur nachts hoch kommen kann."
"Wieso eigentlich?", fragte Mike.
"Albinismus ist eine Störung in der Biosynthese der Melanine, der Hautpigmente. Betroffene verbrennen sich leichter die Haut.", erklärte Henry.
"Reicht da nicht Licht-dichte Bekleidung?"
"In seinem Falle nicht. Er verbrennt selbst bei bedecktem Himmel. Es ist zwar nicht so arg wie bei Vampiren, aber wenige Stunden unter Tageslicht können bei ihm zu Verbrennungen dritten und vierten Grades führen."
"Autsch." Mike sah Aaron an. "Sorry, Kumpel. Das ist echt übel."
Der Albino zuckte nur mit den Schultern.
Steven schob Sarah von seinem Schoß und flüsterte: "Ich bin gleich wieder da." Das Mädchen nickte. Der Mann stand auf und trat zu Celia. "Kann ich mit dir reden?", meinte er leise.
"Klar."
"Allein."
"Aber sicher." Sie erhob sich. Als Mike sie fragend ansah, erklärte sie: "Wir sind gleich wieder da." Die Beiden verließen den Speisesaal und gingen nach draußen.
"Lass uns zum Steg runter gehen."
"Warum?"
"Ich will nicht, dass Dianne zuhört."
"Oh. Okay."
Schweigend spazierten sie zum See hinunter und gingen den Steg bis zum Ende, wo sie sich auf eine der Bänke setzten.
"Was ist los?", fragte Celia letztendlich.
"Ich … ich weiß nicht recht. Im Moment sitzen alle dort friedlich zusammen, als wäre nichts gewesen, und doch hat Dianne versucht, uns umzubringen. Ich …"
"Du bist dir nicht sicher, ob du mit Sarah hier bleiben kannst?"
"Ja. Die letzten Stunden waren derart nervenaufreibend ... Ich weiß einfach nicht, ob wir ihr trauen können."
Celia dachte über seine Worte nach und blickte dabei aufs Wasser. Das Mondlicht reflektierte auf dem Wasser und durch die leichte Wellenbewegung schimmerten ihre blauen Augen, die in der Dunkelheit einen metallischen Farbton angenommen hatten. Steven musterte sie. Erneut wurde er sich ihrer Nähe und Wärme bewusst. Er erinnerte sich an den Moment, als er sie unten in den Gewölben an sich gepresst hatte. Sie hatte sich nicht gewehrt. Im Gegenteil.
Die Frau seufzte und wandte den Kopf wieder in seine Richtung. "Hättest du anders gehandelt?"
"Was? Was meinst du?" Hatte sie seine Gedanken gelesen? Oder bezog sie sich auf etwas anderes. Steven spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss.
"Wenn Sarah an Stelle von Aaron gewesen wäre."
"Oh, das."
Celia musterte ihn mit geneigtem Kopf. Dann schmunzelte sie, sagte aber nichts. Allerdings konnte er sich denken, dass sie seine Gedanken gehört hatte.
"Also …" Er schluckte. Nervös nagte er auf seiner Unterlippe.
"Hey. Ich beiße nicht.", meinte die Frau leise lächelnd.
"Nicht? Schade eigentlich."
"Hm, gib mir einen Grund dazu." Ihre Stimme hatte ein Timbre angenommen, dass ihm einen wohligen Schauer über den Rücken jagte.
"Okay.", erwiderte er leise. Dann beugte er sich nach vorne, bis sich ihre Lippen berührten. Sanft und doch leidenschaftlich küssten sie sich.
Lächelnd lösten sie sich nach etwas mehr als einer Minute wieder voneinander. "Kannst du jetzt wieder reden?", fragte Celia schmunzelnd.
"Ich glaube schon." Er lächelte sie schief an. "Meinst du, wir können da später weitermachen?" "Wenn du willst.", erwiderte sie leise.
"Ja." Wahrscheinlich grinste er gerade selten dämlich, aber es war ihm egal. Er fühlte sich einfach nur gut. "Ähm, wo waren wir stehen geblieben?"
"Wenn du an Diannes Stelle gewesen wärst und es wäre um Sarah gegangen, hättest du dann nicht genauso reagiert?"
"Du meinst, ob ich töten würde, um sie zu schützen?"
"Ja."
"Ich war schon einmal drauf und dran, jemanden deshalb zu töten. Diesen Cobb, Sarahs Direktor."
Celia nickte. "Als wir gerade da drinnen zusammensaßen, habe ich von Diannes Seite keine negativen Gedanken auffangen können. Sie wirkte eher verunsichert. Ich glaube, die ganze Situation ist für sie komplett neu. Ich weiß nicht, wie alt Aaron ist, aber offensichtlich versteckt sie ihn schon seit vielen Jahren. Vielleicht gab es in der Vergangenheit ein Ereignis, dass sie zu dieser Vorsicht getrieben hat." Sie sah Steven an. "Du bist doch auch hauptsächlich verunsichert, weil du das mit diesem Cobb erlebt hast."
"Stimmt." Er nickte. Einen Moment später seufzte er laut. "Du hast absolut recht." Er sah sie an. "Bleibst du?" "Ja." Sie schmunzelte. "Immerhin habe ich jetzt gleich vier Gründe."
"Vier?"
"Na ja, ich lerne, damit umzugehen." Sie zeigte auf ihren Kopf. "Ich kann mit Pferden arbeiten. Ich hab die süße kleine Sarah um mich. Und …" Sie sah ihm tief in die Augen. "Ich habe dich."
Er grinste, zog sie an sich und sie küssten sich erneut. Diesmal jedoch ließen sie sich deutlich mehr Zeit dabei.

***

Montag
Henry blieb in der Tür zu seinem Tagesversteck stehen und musterte Dianne, die an ihrer Spiegelkommode saß und die Haare bürstete. Die Abenddämmerung hatte den Tag verdrängt und seine Zeit begann. Er verspürte ein leichtes Hungergefühl, nachdem er am Vortag nichts getrunken hatte. Innerhalb eines Wimpernschlags stand er direkt hinter ihr. Seine Hand fuhr sanft über ihre Schulter. Sie versteifte sich daraufhin.
"Lass es.", forderte sie knapp. Dann kämmte sie ihre Haare fertig, als wäre nichts geschehen.
"Warum?", fragte Henry nach einer Weile.
Die Frau wandte sich um und musterte ihn. "Erinnerst du dich noch, was ich vor ein paar Tagen zu dir gesagt habe?" Als er den Kopf schüttelte, erklärte sie: "Wage es niemals, deine Manipulationsfähigkeit an mir einzusetzen."
Der Vampir schluckte. Er wusste, für sie war das ein massiver Vertrauensbruch gewesen.
"Können wir das irgendwie vergessen machen?", fragte er, obwohl er schon jetzt die Antwort darauf wusste.
"Nein." Sie schüttelte den Kopf. "Ich möchte, dass du gehst. Kehre zurück nach Toronto."
"Ist das dein letztes Wort?"
Sie nickte nur.

***

Der Mond stand hoch am Himmel, als Henry endlich nach draußen trat. Der Wind hatte aufgefrischt und brachte eine angenehme Brise. Die drückende Hitze der letzten Tage ließ nach. Es lag sogar Regen in der Luft. Es war noch mehr als genug Zeit für ihn, um nach Toronto zurückzufahren. Also hatte er sich entschlossen, vorher zumindest noch einmal sein Glück bei Cellucis Schwester zu versuchen. Er lächelte bei dem Gedanken an die Frau. Sie war attraktiv und eigensinnig. Seine feinen Sinne erkannten, dass sie sich beim Reitstall befand. Wo auch sonst? Sie liebte Pferde und sie nutzte jede freie Minute, um bei ihnen zu sein.
Also lief Henry zum Stall. Schnell erkannte er, dass sie nicht allein war. Offensichtlich zeigte sie Aaron gerade, wie man ein Pferd striegelte.
"Hallo ihr Zwei.", begrüßte er die Beiden.
"Hallo Henry.", erwiderte die Frau. Der Mann nickte nur und striegelte weiter.
"Es ist herrlich draußen. Die Hitze hat nachgelassen."
"Ja, das ist wahr. Wurde aber auch langsam Zeit." Sie lächelte. "Diese Hitze war kaum noch auszuhalten."
"Stimmt. Selbst nachts war es zu heiß."
Einen Moment lang herrschte Schweigen. Henry realisierte, dass Celia Aaron zunickte. Wieder einmal wurde ihm bewusst, dass er Telepathen vor sich hatte. Auch wenn sie noch nicht ausgebildet war, so konnte sie zumindest auf diese Art kommunizieren, wie ihm schon bei Celluci aufgefallen war.
"Ich werde heute Nacht zurück nach Toronto fahren.", eröffnete der Vampir.
Überrascht sah sie ihn an. "Oh."
"Ich dachte, ich hätte vielleicht noch die Gelegenheit, einen kleinen Ausritt zu machen. In der Stadt komme ich so schlecht dazu."
"Hm, ich wollte mit Aaron ein paar Runden drehen. Er hat noch nie auf einem Pferd gesessen."
"Reitunterricht also."
"Ja, könnte man so sagen."
"Ich hatte da eher an einen Ausflug gedacht. So als Abschied." Er hatte seiner Stimme für den letzten Teil einen erotischen Unterton verpasst. An der Reaktion ihrer Pupillen erkannte er, dass sie nicht unempfänglich dafür war.
"Sorry, Kumpel. Aber dafür musst du dir jemand anderes suchen."
Henry wirbelte herum. Steven stand in der Stalltür. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah ihn herausfordernd an. Dann gab er sich einen Ruck, ging gemächlich an dem Vampir vorbei, nahm Celia in die Arme und gab ihr einen Kuss. Anschließend wandte er sich um, behielt jedoch einen Arm um ihre Taille gelegt.
"Ein Händedruck wird zum Abschied wohl ausreichend sein."
Der Duke of Richmond seufzte lautlos. "Sieht so aus, als wäre da jemand schneller gewesen." Er lächelte. "Herzlichen Glückwunsch."
"Danke."
"Dann wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als mich zu verabschieden." Er nahm Celias Hand und hauchte einen Handkuss darauf. "Miss Celluci." Er neigte den Kopf in Richtung Steven. "Mr. Jeffries."
Sein Blick wanderte zu Aaron. Kam es ihm nur so vor, oder war das Grinsen des Telepathen leicht spöttisch? "Aaron."
'Passen Sie auf sich auf Henry. Und viel Glück.', ertönte in seinem Kopf.
Henry wandte sich um und verließ den Stall.
"Ihr Glücksstern scheint momentan nicht gerade über Ihnen zu leuchten, Fitzroy."
Der Vampir biss die Zähne zusammen. Die spöttische Stimme war ihm mehr als vertraut und gehörte der Person, die als letztes erfahren sollte, dass er heute gleich bei zwei Frauen abgeblitzt war.
"Dianne hat mir erzählt, dass Sie abreisen. Dann wünsche ich Ihnen eine gute Fahrt."
"Danke. Ich schätze, wir werden uns in Toronto nicht aus dem Weg gehen können."
"Nun. Wenn Sie aus Vickys Leben verschwinden, dann wäre das ein Leichtes."
"Vergessen Sie es.", erwiderte Henry mit einem erhabenen Lächeln. Er verneigte sich knapp und verschwand dann im Dunkeln.
Mike blieb grinsend zurück und sah dem Schatten nach, den er nicht mehr wirklich erkennen konnte. Anschließend wandte er sich dem Stall zu und ging hinein.

***

Dienstag
Als Henry erwachte, starrte er eine Weile an die Decke. Eigentlich hatte er keine Lust, aufzustehen. Doch er war hungrig. Seit zwei Tagen hatte er nicht mehr gegessen, von dem kleinen Snack, den er sich auf dem Heimweg gegönnt hatte, mal abgesehen.
Mühsam schwang er die Beine über die Bettkante und blieb noch einen Moment sitzen. Genug zu tun gab es für ihn. Er hatte an seinem Roman zu arbeiten. Aber das konnte warten. Heute Nacht brauchte er etwas Positives. Die Zurückweisung von Dianne machte ihm mehr zu schaffen, als er sich eingestehen wollte.
Er stand auf und ging ins Wohnzimmer. Dort blinkte wie am Morgen zuvor der Anrufbeantworter. Sein abgeschaltetes Handy lag direkt daneben. Er hatte es hier liegengelassen, als er zu Dianne gefahren war. Das gesamte Gelände der Schule war sowieso ein einziges Funkloch. Er nahm das Mobiltelefon in die Hand, starrte einen Augenblick lang auf die Powertaste, ließ es dann jedoch uneingeschaltet wieder auf den Tisch fallen. Bei seinem AB drückte er direkt auf die Löschen Taste. Ein Piepton bestätigte den Erfolg und das nervige Blinken hörte auf.
Henry zog sich an und verließ kurze Zeit später sein Appartement. Das Telefonklingeln bekam er noch mit, doch er ignorierte es. Heute Nacht brauchte er Spaß und Blut.

***

Mittwoch

Celia stand neben dem Auto und beobachtete, wie Mike seine Tasche im Kofferraum verstaute. Kurze Zeit später schloss er die Klappe und schaute sie an.
"Hey, jetzt schau nicht so traurig."
"Das sagst du so leicht." Sie blinzelte heftig. Celluci konnte am Glitzern in ihren Augen erkennen, dass sie damit versuchte, ihre Tränen zu unterdrücken. Es brach ihm fast das Herz.
"Cel, ich bin nicht aus der Welt. Toronto ist nicht so weit weg. Ich kann dich besuchen kommen."
"Versprochen?"
"Hoch und heilig." Er lächelte seine kleine Schwester an und nahm sie ihn den Arm. "Und wenn du dein Training soweit absolviert hast, dass du die Gedanken anderer aus deinem Kopf heraushalten kannst, dann kommst du mich besuchen." Er strich ihr sanft über ihre Haare.
"Ich werde dich vermissen.", vernahm er leise.
"Ich dich auch, Kleines.", erwiderte er. Er spürte mehr ihr Schluchzen, als dass er es hörte. "Hey, sieh es mal so, wenn ich hier bleiben würde, dann wäre ich doch nur im Weg." Er schob sie von sich und nickte in Richtung Steven, der mit Sarah einige Meter abseits an der Treppe stand.
"DU bist meine Familie."
"Ja, und ich werde immer deine Familie sein. Egal, was passiert. Und die Beiden …" Wieder nickte er in Richtung von Steven und seiner Tochter. "… werden vielleicht auch bald dazu gehören. Aber das braucht Zeit und ein großer Bruder wäre da nur im Weg." Er zwinkerte ihr zu.
"Rufst du an, wenn du in Toronto bis?"
"Mache ich."
"Und Mike."
"Hm?"
"Pass auf dich auf, ja."
"Ja." Er küsste sie auf die Stirn, wandte sich an ihre vielleicht bald neue Familie und winkte zum Abschied.
"Ich liebe dich, Mikey."
Er grinste schief, als Cel seinen Kosenamen gebrauchte. "Ich dich auch." Er drückte sie noch einmal an sich und stieg dann in den Wagen.
Wenige Sekunden später lief der Motor und Cellucis Auto rollte den Pfad hinab. Im Rückspiegel sah er, wie Celia zu Steven ging und der ihr den Arm um die Schultern legte. "Pass gut auf sie auf.", murmelte der Detective leise.

***

Es war bereits dunkel, als Mike Toronto erreichte. Er parkte den Wagen und ging in seine Wohnung. Dort erwartete ihn ein hektisch blinkender Anrufbeantworter. Er drückte auf Play, um die Nachrichten abzuspielen. Alle enthielten in etwa den gleichen Text: "Hallo Mike, hier ist Vicky. Wo steckst du, verdammt nochmal!? Melde dich bei mir." Da ihre Stimme eher wütend als besorgt klang, rief er nicht gleich an. Er musste erst noch ein Versprechen einlösen.
Mike wählte Celias Handynummer. Kurze Zeit später ging sie ran. "Hey, Schwesterherz."
"Hey Mike.", erklang ihre Stimme erfreut am anderen Ende.
"Ich wollte nur Bescheid geben, dass ich wieder in Toronto bin."
"Wie war die Fahrt?"
"Tödlich langweilig. Mir hat mein Gesprächspartner gefehlt."
Er hörte ein leises Lachen am anderen Ende.
"Vicky scheint ziemlich sauer zu sein, dass ich mich nicht bei ihr abgemeldet habe."
"Wie kommst du darauf?"
"Mein Anrufbeantworter hatte 7 Nachrichten mit immer dem gleichen Text und der identischen Aggressivität."
"Warum hat sie dich nicht auf dem Handy angerufen?"
"Weil ich das die ganze Zeit aus hatte. Ich wollte nicht, dass Crowley auf die Idee kommt, mich verfrüht zurück zum Dienst zu rufen."
"Immer eine gute Idee." Es gab eine kurze Pause. "Hast du sie schon zurückgerufen?"
"Vicky? Nein. Ich denke, ich werde morgen nach dem Dienst in ihrem Büro vorbeischauen."
"Dann kann sie dir direkt den Kopf abreißen." Wieder lachte Celia.
Mike grinste. "Jap."
Im Hintergrund hörte er, wie eine Ente schnatternd vom Wasser aufflog. Sie war also am See unten. "Bist du auf dem Steg?"
"Ja."
"Mit Steven?"
"Ja."
"Okay. Na, dann will ich nicht länger stören."
"Du störst nicht."
"Ich liebe dich auch. Wir hören voneinander."
"Okay."
"Bye."
"Bye."
Nach dem Auflegen überlegte Mike kurz, ob er Vicky vielleicht doch anrufen sollte. Doch dann zuckte er nur mit den Schultern. Nach einer heißen Dusche ging er früh schlafen.

***

Donnerstag
"Oh, Mann! Wenn ich geahnt hätte, was mich hier erwartet, wäre ich nicht wiedergekommen." Mike stöhnte und ließ sich auf seinen Stuhl am Schreibtisch fallen.
Dave lachte. "Du kannst echt froh sein, dass du die letzten Tage nicht erreichbar warst. Dagegen war das heute ein Spaziergang."
"Dave hat Recht. Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Kaum wurde es kühler, tauchte eine Leiche nach der anderen auf.", ergänzte Kate.
"Hey, Celluci." Ein Polizist in Uniform trat an den Schreibtisch heran.
"Morgan. Was gibt’s?"
"Vicky war heute hier. Sie meinte, ich solle dir ausrichten, dass sie dich heute Abend nach Dienstschluss in ihrem Büro sehen will."
Mike verdrehte die Augen.
"Hey, sie verhält sich wie eine Ehefrau." Dave lachte dröhnend.
"Oh ja, sauer genug war sie auf jeden Fall." Morgan fiel in sein Lachen mit ein.
"Na phantastisch. Als wenn der Tag nicht so schon eine helle Freude gewesen wäre."
"Geh einfach nicht hin.", erwiderte Kate mit einem Achselzucken.
"Ja, vielleicht hast du Recht." Doch innerlich wusste er bereits, dass er zu ihr gehen würde. "Aber ihr habt echt Action verpasst.", lachte Morgan noch immer. "Crowley und Vicky sind zusammengerauscht, und das mit Vickys Laune. Das hat vielleicht geknallt, sag ich euch."
"Wieso habe ich das miese Gefühl, dass ich das die nächsten Tage ausbaden darf?" Mike seufzte. "Dann solltest du verschwinden, bevor sie mitbekommt, dass du wieder hier bist.", riet Kate. Dave nickte.
"Wo ihr Recht habt, habt ihr Recht." Celluci schnappte seine Sachen und grüßte noch einmal in die Runde und verschwand schnellstmöglich durch die Tür. Kaum, dass er in seinen Wagen eingestiegen war, bemerkte er im Rückspiegel, wie Alison Crowley auf den Parkplatz trat. Sie sah sich suchend um, erkannte seinen Wagen und hielt direkt auf ihn zu.
"Vergiss es. Heute nicht mehr."
Mike gab Gas und verschwand in der Dunkelheit.
Ehe er es sich versah, parkte er vor Vickys Büro.
"Verdammt.", fluchte er innerlich. Er hatte eigentlich gar nicht herkommen wollen. Aber jetzt war er nun einmal hier. Er stieg aus, verriegelte den Wagen und ging zum Haus. Ein Kribbeln im Nacken ließ ihn innehalten. Er wandte sich um. Henry stand nur wenige Schritte hinter ihm.
"So schnell sieht man sich wieder, Detective."
"Wie ich sehe, sind sie auf der Heimfahrt nicht von der Sonne aufgehalten worden."
"Es tut mir leid, Sie zu enttäuschen."
"Man wird doch noch hoffen dürfen."
"Nun, ich gedenke nicht, Ihre geheimen Träume und Wünsche zu erfüllen." Henry stand plötzlich wenige Zentimeter neben ihm. "Es sei denn, sie beinhalten Ihr Blut und meine Ernährung." Der Vampir grinste süffisant.
"Nur über meine Leiche."
"Das ließe sich einrichten."
Die beiden Männer fixierten sich einen Moment lang.
Mike brach als Erster das Schweigen. "Nein, ich soll Ihnen weder Grüße von Celia noch von Dianne ausrichten." Als er den betroffenen Gesichtsausdruck des Vampirs sah, wusste er, dass er ins Schwarze getroffen hatte. Grinsend ging er an ihm vorbei ins Gebäude hinein.
Henry blieb noch einen Moment lang stehen und starrte dem Detective nach. Er überlegte, ob Celluci vielleicht doch die gleiche Fähigkeit hatte, wie seine Schwester. Ihm sträubten sich dich Nackenhaare. Er schüttelte sich und folgte seinem Widersacher ins Gebäude, von dem er wusste, dass darin eine ziemlich wütende Vicky auf sie wartete.

The End