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4. Teil von

Blood Ties – Gifted 2


Autor: foxy [at] harperfront.com

******************************************************************************* Samstag
Mike hatte ungewöhnlich lange geschlafen. Draußen stand die Sonne bereits hoch, als er erwachte. Ein Blick auf die Uhr bestätigte seinen Verdacht. Es war bereits weit nach 8 Uhr. Offensichtlich hatte sein Körper wirklich reichlich Schlaf gebraucht. Schlaftrunken schlüpfte er aus dem Bett und stieg erst einmal unter die Dusche. Er drehte das Wasser nicht sehr heiß, damit es ihn wach machte. Nachdem er sich angezogen hatte, ging er zur Zwischentür und klopfte. Als niemand reagierte, öffnete er sie und spähte ins Nachbarzimmer. Celia war nicht da und das Bett fein säuberlich gemacht. Er runzelte die Stirn. Es zeigte keinerlei Zeichen der Benutzung. Er biss die Zähne zusammen, als ein Verdacht in ihm aufkeimte.
Als Celluci die Treppe hinunterging, sah er niemanden. Aber er hörte Geschirrklappern aus einem der Räume unten. Er folgte dem Geräusch und fand eine ihm unbekannte Frau in einem Raum, der an eine Kantine erinnerte.
"Guten Morgen.", begrüßte sie ihn. "Haben Sie Hunger?"
"Ich …", setzte er an. Doch dann überlegte er es sich anders. "Ja. Habe ich. Guten Morgen."
"Dann setzen Sie sich. Ich bringe Ihnen gleich etwas." Die Frau lächelte ihm zu und verschwand in einem abzweigenden Raum. Wenige Minuten später kehrte sie mit einem Tablett und einer Kanne Kaffee zurück.
Während Celluci ausgiebig frühstückte, besserte sich seine Laune ein wenig. Trotzdem ging ihm das unbenutzte Bett nicht aus dem Kopf. Dazu kam eine allgemeine Missstimmung, die er nicht nachvollziehen konnte. Es war, als hätte er miserabel geträumt, doch er konnte sich an keinen Traum erinnern. Als er fertig war, räumte er sein Geschirr zusammen und brachte das Tablett in den Nebenraum. Es handelte sich um eine Küche.
"Oh, danke. Das hätten Sie nicht tun müssen." Die Frau lächelte ihn erstaunt an. Offensichtlich war sie es nicht gewöhnt, dass Gäste selbst abräumten.
"Keine Ursache. Sagen Sie, wissen Sie, wo die Anderen alle sind?"
"Dianne ist in ihrem Büro. Mehr weiß ich nicht. Aber sie wird es Ihnen sicherlich sagen können."
"Wo befindet sich das Büro?"
"Am Ende des Ganges. Die letzte Tür links."
"Danke."
"Nichts zu danken." Sie widmete sich wieder ihren Küchenaufgaben. v Mike folgte ihrer Beschreibung und fand Diannes Büro. Er klopfte an die Tür.
"Herein."
Nachdem er das Büro betreten hatte, schloss er die Tür wieder hinter sich.
"Guten Morgen, Detective Celluci. Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen."
Er brummte etwas Unverständliches, das man als ja und auch als nein hätte interpretieren können. Er sah, dass sein Gegenüber die Stirn runzelte. Wohl wissentlich, dass er eine Telepathin vor sich hatte, schottete er seine Gedanken gegen sie ab. Offensichtlich gefiel ihr das nicht besonders. Ihr Pech! "Guten Morgen.", erwiderte er letztendlich ihren Gruß.
"Setzen Sie sich doch." Sie deutete auf den Sessel gegenüber ihrem Schreibtisch.
Mike kam dem nach und nahm Platz. Er sah sich im Raum um. Ein paar wenige Fotos hingen an der Wand. Hauptsächlich Bilder von Dianne mit irgendwelchen anderen Personen, sowohl Kindern als auch Erwachsenen.
"Was möchten Sie wissen?"
Celluci runzelte die Stirn. Er vermutete oder besser gesagt hoffte, dass sie nur ins Blaue geschossen hatte mit ihrer Frage. Der Gedanke, dass sie vielleicht doch seine Gedanken lesen konnte, behagte ihm nicht. "Das alles hier kostet eine Menge Geld. Ich meine, der Reitstall, die Instandhaltung der Gebäude, die Verpflegung und und und."
"Sie haben Recht. Es ist nicht gerade kostengünstig. Zumal ich darauf achte, dass es meinen Schülern an nichts mangelt. Und bevor Sie fragen, ja, ich bezahle auch die Leute, die hier arbeiten. Sie verdienen hier genauso Geld wie irgendwo anders."
"Wie finanzieren Sie das alles, wenn Sie keine Gelder von den Mitgliedern entgegennehmen?"
Dianne lächelte geduldig. Offensichtlich war diese Frage nicht neu für sie. "Ich bin nicht gerade eine arme Frau. Ich besitze überall auf der Welt Ländereien, Häuser und Firmen. Sie sind größtenteils vermietet oder verpachtet."
"Wie kommen Sie an soviel Besitz?"
"Wieso nur fühle ich mich gerade wie in einem Verhör?" Sie verschränkte die Arme, lehnte sich zurück und schmunzelte.
"Haben Sie ein Problem damit, meine Fragen zu beantworten?", knurrte Mike. Seine Laune sank wieder.
"Nein, absolut nicht. Ich finde es nur amüsant, dass Sie in Ihre Gewohnheiten als Polizist verfallen." Er runzelte die Stirn. "Aber ich weiß auch ...", ergänzte sie. "... Sie tun das nur zum Besten Ihrer Schwester. Ich finde Ihr Verhältnis zueinander bewundernswert. So einen engen Zusammenhalt sieht man heutzutage leider nur noch selten. Ist Ihr Verhältnis zu allen Ihren Geschwistern so eng?" "Nein. Cel und ich haben einiges zusammen durchgemacht. Deshalb …" Er brach ab. Was ging diese Frau seine Lebensgeschichte an? Er war hier, um Informationen von ihr zu bekommen und nicht, um ihr zu erzählen, welche extremen Höhen und Tiefen er mit Celia hinter sich hatte. "Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Wie kommt eine Frau in Ihrem Alter zu soviel Besitz?" Ein nicht zu deutendes Lächeln huschte über ihr Gesicht. "Es handelt sich um Familienbesitz. Über Jahrhunderte zusammengetragen."
Mike hatte das untrügliche Gefühl, dass sie ihm etwas verschwieg. Trotzdem gab er sich mit dieser Antwort vorerst zufrieden. Gegebenenfalls konnte er immer noch eine Überprüfung Ihres Hintergrundes durchführen.
"Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?"
Im Moment fiel ihm nichts weiter ein. Das war die Frage gewesen, die schon länger an ihm genagt hatte. "Nein. Im Moment nicht."
"Gut. Sie sind ja noch ein paar Tage da. Ich würde mich dann gern wieder meiner Arbeit widmen. Sie wissen ja, der Papierkram erledigt sich nicht von selbst."
"Ja." Er nickte, erhob sich und verließ grußlos den Raum.

***

Die Sonne brannte schon wieder gnadenlos vom Himmel, als Mike den Reitstall betrat. Der Schatten entrang ihm ein leises Aufatmen. Die Boxen waren alle leer, wie er feststellte. Offensichtlich hatte jemand mittlerweile sämtliche Pferde auf die Koppel gebracht. Schon am Abend zuvor waren kaum Boxen besetzt gewesen. In der Ferne hörte er Kinderlachen und Stimmen. Er folgte den Geräuschen. Am anderen Ende des Stalls trat er wieder hinaus in die Sonne. Geblendet legte er die Hand über die Augen. Es dauerte einen Moment, bis sie sich nach dem Dunkel des Stalls an die Helligkeit gewöhnt hatten. Er zog seine Sonnenbrille aus der Brusttasche und setzte sie auf. Jetzt konnte er auch wieder etwas erkennen. Doch was er sah, gefiel ihm nicht. Das Kinderlachen kam von Sarah, die vor Celia auf einem Pferd saß, das sich im Schritttempo über die Wiese hinter dem Gebäude bewegte. Ihre kleinen Hände hatten sich in der Mähne festgekrallt. Das Pferd trug keinen Sattel und weder Celia noch sie trugen Schuhe. Sie waren gänzlich barfuß. Das Pferd wurde lediglich von einem Halfter mit Strick geführt, den seine Schwester locker in der linken Hand hielt. An der Seite stand Steven Jeffries an einen Koppelzaun gelehnt und winkte ihnen zu.
Wut kochte in Mike hoch. Wie konnte sie nur so verantwortungslos und vor allem so unvorsichtig sein?! Sie hatte gerade erst fast ihr Augenlicht verloren, weil sie vom Pferd gestürzt war! Er sah, wie Celia lässig das Pferd zum Wenden brachte. Ihr Blick fiel in seine Richtung und sie winkte lächelnd. Doch er reagierte nicht. Am liebsten wäre er hingelaufen und hätte sie vom Pferd gezerrt. Nur mühsam hielt er sich unter Kontrolle. Er sah, wie sie die Stirn runzelte. Er machte sich nicht die Mühe, seine Gedanken abzuschotten. Sollte sie ruhig wissen, was er dachte.
Celia steuerte das Pferd zu Jeffries, der seiner Tochter herunterhalf. Mike konnte erkennen, dass seine Schwester mit ihm redete. Der Mann wandte sich mit verwundertem Gesichtsausdruck zu ihm um. Sie redeten also über ihn. Das machte ihn noch wütender. Er ballte die Hände zu Fäusten. Jeffries blickte wieder zu Celia, nickte dann und ging mit Sarah in die entgegengesetzte Richtung davon. Cel wendete das Pferd und kam im Schritttempo auf ihn zu. Direkt vor ihm hielt sie an, schwang ihr rechtes Bein über den Widerrist, nachdem sie den Strick hatte fahren lassen, glitt herab und landete weich im Sand.
"Was hast du dir dabei gedacht!?", brauste Mike los. "Der Arzt hat dir nicht ohne Grund verboten zu reiten! Du hast gerade erst fast dein Augenlicht verloren!"
"Ich habe lediglich auf dem Rücken eines Pferdes gesessen und bin im Schritt unterwegs gewesen.", erwiderte sie ruhig. Aber ihre Stirn war hinter der Sonnenbrille in Falten gelegt.
"Das Pferd hätte steigen können! Du hattest nicht einmal einen Sattel drauf. Und dann auch noch ein fremdes Pferd!"
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. "Bist du fertig?"
Ihre Reaktion ließ ihm den Kragen platzen. "Nein, absolut nicht!" Er schleuderte seine Arme wütend in die Luft. "Nicht nur, dass du hier den Verlust deines Augenlichtes riskierst, du verbringst auch noch gleich die erste Nacht in seinem Bett! Was hat dir dieser Typ noch für Flausen in den Kopf gesetzt?" Sie biss sichtlich die Zähne zusammen. Die Falten auf ihrer Stirn waren deutlich tiefer geworden. "Da lässt man dich fünf Minuten aus den Augen und du hast nichts Besseres zu tun, als dich dem ersten Kerl an den Hals zu werfen, der dir über den Weg läuft."
"Jetzt pass mal auf, Mister Neunmalklug! Ich bin alt genug, um auf mich selbst aufzupassen. Ich kenne Pferde besser als Menschen. Er hätte mich nicht abgeworfen. In keiner Sekunde war ich in Gefahr. Die einzige Gefahr für mich im Augenblick ist deine verdammte Überfürsorglichkeit. Die Zeiten, dass du mich vor anderen Menschen beschützen musstest, sind schon lange vorbei. Und mein Liebesleben geht dich einen Scheißdreck an! Das ist meine Entscheidung und ich werde dich mit Sicherheit nicht vorher um Erlaubnis bitten, wenn ich mich für jemanden interessiere. Für jemanden, dem es egal ist, was ich bin!", blaffte sie mit ebensolcher Intensität zurück.
"Ach ja!? Du kennst den Mann gerade mal 24 Stunden. Du hast keine Ahnung, wer er ist. Aber offensichtlich reicht dir das aus, um ihm deine Libido anzuvertrauen. Ich wusste nicht, dass du in der Provinz zu einer Schlampe verkommen bist!"
Vollkommen geschockt schnappte sie nach Luft. Ihre Augen hatten sich entsetzt geweitet. Erst jetzt realisierte Mike, was er gerade gesagt hatte. Von einer Sekunde zur Anderen war seine Wut wie weggeblasen und wich Betroffenheit. "Ich … Das hab ich nicht so gemeint."
Celia stolperte rückwärts von ihm weg, bis sie an den Leib des Hengstes stieß, der hinter ihr geduldig wartete.
"Cel. Ich. Es tut mir leid. Ich …" Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er wollte nur die Zeit zurückdrehen und das Gesagte ungesagt machen.
Wortlos wandte sie sich um, führte das Pferd zu einem Baumstumpf und stieg mit dessen Hilfe auf. Sie trieb den Hengst in Richtung Stall.
"Celia!", rief Mike ihr erstickt nach.
Das Pferd blieb stehen, doch sie wandte sich nicht um. Einen Moment lang herrschte Schweigen. Dann sprach sie mit einer Stimme so eisig wie flüssiger Stickstoff. "Nur, damit du es weißt. Ich habe im Stall geschlafen. Bei Samir." Mit Schenkeldruck trieb sie den Hengst wieder an. Als sie den Eingang erreichte, neigte sie den Kopf, um unter dem Torbogen hindurchzutauchen. Dann verschwanden beide im Schatten.
Mike stand wie vom Donner gerührt. Er fühlte sich, als hätte ihn gerade jemand mit Lava übergossen. Was war er nur für ein Vollidiot?

***

Steven hatte Sarah zu Joshuas Familie gebracht, die sich über den Besuch freute. Anschließend war er zum Reitstall zurückgegangen. Die Luft flimmerte über dem Sand vor dem Gebäude. Er konnte ein Pferd schnauben hören, also ging er in den Stall hinein. Lauschend bewegte er sich vorwärts. Dann hörte er leises Schluchzen. Er fand sie in Samirs Box. Sie hatte die Arme um seinen Hals gelegt und weinte.
"Celia." Ihr Kopf ruckte hoch. Als sie ihn erkannte, wischte sie schnell die Tränen weg. "Hey, es ist okay." Er ging in die Box hinein und legte ihr den Arm um die Schultern. Mit sanftem Druck führte er sie in die Ecke der Box, wo etwas Stroh aufgeschüttet war. Sie setzten sich.
"Willst du drüber reden?" Instinktiv ging er zum vertrauten Du über.
"Er ist ein Idiot.", erwiderte sie nur schluchzend.
"Ihr habt euch gestritten?" Sie nickte. "Ich hoffe nicht, wegen Sarah und mir."
Sie schüttelte den Kopf. "Nicht wirklich. Es war mal wieder einer dieser Streits. Aber diesmal ist er zu weit gegangen." Sie schloss die Augen und atmete tief durch. "Er wacht über mich wie eine Glucke. Meistens ist das auch okay, großer Bruder halt, aber manchmal geht er damit zu weit." Sie wischte sich über die Augen.
"So wie diesmal?"
"Ja."
"Er ist ein Cop. Die sind immer überfürsorglich mit ihrer Familie."
"Na, schönen Dank auch. Ich bin nicht so." Sie sah die Verwunderung in seinen Augen. "Ich bin auch ein Cop."
"Oh. Das wusste ich nicht." Er runzelte die Stirn. "Aber wie hast du das ausgehalten in der Stadt?"
"Gar nicht. Ich war und bin auch noch bei der RCMP in der Provinz."
"RCMP? Ein Mountie?" Er versuchte, sie sich in der roten Uniform vorzustellen. "Jetzt ist mir klar, warum du so ein gutes Händchen mit Pferden hast." Er grinste.
"Das hatte ich schon vorher, deshalb bin ich auch zur RCMP gegangen."
Schweigen breitete sich aus. Er spürte, dass sie nicht weiter darüber reden wollte. Es ging ihn auch nicht wirklich etwas an. "Hey, wenn du jemanden zum Reden brauchst. Celeste fand immer, ich wäre ein guter Zuhörer." Er grinste schief.
"Wer ist Celeste?"
"Meine Exfrau. Sarahs Mutter. Sie starb im letzten Jahr durch..." Er verstummte.
Celia runzelte die Stirn. "Das meintest du also mit Fähigkeiten missbrauchen?"
Er nickte. "Dank Ms. Nelson und ihren Freunden haben wir sie da rausholen können. Seit dem ist so etwas nicht mehr passiert. Buttercup ist weg."
"Jetzt verstehe ich."
Schuldgefühle keimten erneut in Steven hoch. Er machte sich noch immer Vorwürfe, dass er es nicht hatte verhindert.
"Es ist nicht deine Schuld." Jetzt war sie es, die ihn tröstete. Er musste lachen. "Was?", fragte sie verwirrt.
"Nichts. Ich mach dir einen Vorschlag. Wie wäre es, wenn wir Sarah holen und dann einen Ausflug machen?"
"Das ist eine gute Idee." Celia lächelte.

***

Als sie beim Haus von Joshuas Familie ankamen, trat dessen Mutter gerade aus der Tür.
"Hallo.", begrüßte sie die Beiden.
"Hallo. Wir wollten Sarah abholen."
"Oh, ich dachte, Sie würden zum Essen bleiben." Sie schaute traurig. "Wir haben so selten im Sommer Gäste."
"Wenn es Ihnen wirklich nichts ausmacht …"
"Aber keineswegs." Sie schüttelte lächelnd den Kopf. "Es ist mehr als genug für alle da. Ich bin es gewöhnt, für 20-30 Schüler zu kochen. Dadurch koche ich zu hause auch immer viel zu viel."
Sie folgten ihr ins Haus. Joshua und Sarah spielten Mensch ärgere dich nicht.
"Daddy." Das Mädchen sprang auf und umarmte Steven.
"Hey, Süße, was würdest du davon halten, wenn wir nachher einen Ausflug machen?"
"Au ja. Mit den Pferden." Sie klatschte in die Hände.
Verblüfft hob Celia die Augenbrauen. "Hm, Steven, können Sie reiten?" Steve runzelte die Stirn, als sie ihn wieder siezte. Sie sah es. "Kannst DU reiten?", korrigierte sie sich.
Er schüttelte den Kopf. "Kein bisschen. Ich hab noch nie auf einem Pferd gesessen."
"Aber ich kann reiten." Joshua war ebenfalls aufgestanden. "Ich könnte Sarah bei mir mit hochnehmen und wir reiten auf Moon." Als er die Fragen in den Gesichtern sah, ergänzte er: "Das Pony, das in der kleinen Koppel hinter dem Stall steht. Und Samir kann Sie beide gut tragen." "Hm, das wäre eine Möglichkeit."
"Detective Celluci wird nicht glücklich darüber sein."
"Der kann mir mal den …" Celia brach ab und grinste entschuldigend. "Ich denke, ich bin alt genug, das für mich selbst entscheiden zu können." Sie zwinkerte Sarah zu.
"Detective Celluci? Ist das der Mann, der ebenfalls im Haupthaus wohnt?", fragte Joshuas Mutter.
"Wenn Sie den großen Kerl mit den blauen Augen und dem mürrischen Gesichtsausdruck meinen, ja. Er ist mein Bruder."
"Ah, daher die Ähnlichkeit."
"Ich hoffe, ich schaue nicht so mürrisch drein." Celia reagierte gespielt entsetzt.
"Nein. Aber ich vermute, das ist auch nicht sein typischer Gesichtsausdruck. Ich glaube, er hat nicht besonders gut geschlafen. Es ist eine fremde Umgebung."
"Ja, vielleicht." Sie seufzte.
"Genug geredet. Kommen Sie, das Essen ist jeden Moment fertig."
Nach dem Essen gingen sie zu Viert zurück zum Reitstall und sattelten Samir und Moon. In der Sattelkammer hatten sie auch einen passenden Tandemsattel für Samir gefunden.
Joshua half Sarah auf das Pony und stieg hinter ihr auf. Er fasste um ihren kleinen Körper herum und nahm die Zügel in die Hand.
Steven erkannte zufrieden, dass er sich sehr sicher bewegte und das Pony gut auf ihn reagierte. "Möchtest du auch vorne sitzen?" Celia grinste ihn an und deutete auf Samir.
"Ah, ich glaube, dir würde es schwerer fallen, um mich herum zu greifen." Er grinste zurück. "Ich gehe nach hinten."
"Okay." Sie stieg auf und lenkte den Hengst zu dem Baumstamm, der ihr zuvor auch geholfen hatte, als sie ohne Sattel geritten war.
Steven kletterte auf den Baumstamm, stieg mit dem linken Fuß in den Steigbügel und mit Celias Hilfe saß er kurze Zeit später hinter ihr.
"Gut festhalten.", meinte sie nach hinten. Er umfasste ihre Taille und rutschte nah an sie heran, bis er bequem saß. Er spürte, wie sie daraufhin mit Schenkeldruck das Pferd in Bewegung brachte. "Joshua, du reitest vor. Du kennst den Weg."
Gemeinsam ritten sie im Schritttempo los. Sie wählten einen Weg durch den Wald, in dem sie vor der gleißenden Sonne geschützt waren.
Steve spürte die Muskelkraft, die sich unter dem scheinbar schlanken Körper der Frau verbarg. Sie fühlte sich anders an als Celeste. Die hatte zwar auch Kraft gehabt, war aber doch deutlich dünner gewesen. Der Mann realisierte, dass es lange her war, dass er einer Frau so nah gekommen war. Und es fühlte sich verdammt gut an. Für einen Moment dachte er darüber nach, ob sie seine Gedanken gerade hören konnte. Er spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. Doch dann lächelte er. Und wenn schon.

***

Als die Dämmerung den Tag verdrängte, erwachte Henry in seinem Versteck. Es war eine kleine Kammer, zu der man nur durch Diannes Zimmer gelangen konnte. Offiziell galt sie vermutlich als Panikraum. Er grinste. Ob sie beim Bau an ihn gedacht hatte?
Henry löste die Verriegelung, die zusätzlich dafür sorgte, dass niemand versehentlich den Raum öffnete, während er darin schlief. Er spürte kein Leben hinter der Geheimtür. Ein wenig war er darüber enttäuscht. Er schob die Tür wieder an ihren Platz, als er hindurch getreten war. Sie verschwand so vollkommen, dass selbst er, der wusste, dass sie dort war, sie nicht sah. Die Dämmerung umfing ihn, als er das Haus verließ. Im Haus selbst war niemand gewesen, was ihn doch etwas verwunderte. Er hatte zumindest damit gerechnet, Dianne dort anzutreffen. Seine feinen Sinne nahmen Stimmen beim Reitstall wahr. Er huschte hinüber. Es handelte sich um vier Personen. Celia und die Jeffries kannte er. An den Jungen erinnerte er sich nur schwach. Er war bei ihrem ersten Besuch anwesend gewesen.
"Ich bringe Sarah ins Bett.", sagte Steven zu Celia.
"Ich werde auch nach Hause gehen.", meinte der Junge. Sie verabschiedeten sich und der Junge verschwand zu Fuß in der Dunkelheit.
"Steve?", rief die Frau leise dem Mann hinterher, als der sich schon ein Stück entfernt hatte. Er drehte sich um. "Ich gehe runter zum Steg."
Jeffries nickte. "Bis gleich." Sie lächelten sich an und Henry realisierte die Vertrautheit. Ob das Celluci gefallen würde? Wo war er überhaupt? Er konnte ihn nicht sehen. Der Vampir runzelte die Stirn. Dianne und Mike fehlten. Eifersucht kochte in ihm hoch. Er würde doch nicht etwa ... Er wusste, Dianne war kein Kostverächter. Sie hatte im Laufe ihres Lebens schon viele Liebhaber gehabt.
Henry entschloss sich, zum Haus zurückzukehren. Früher oder später mussten sie ja zurück kommen. Zumal Dianne wusste, dass er dort war. Er ging diesmal einen anderen Weg. Auf der anderen Seite des Haupthauses entdeckte er Celluci. Er saß auf einer Bank unter einer Trauerweide und war allein. Henry runzelte die Stirn. Nach kurzem Überlegen entschied er sich, zu ihm zu gehen. Warum, wusste er selbst nicht genau.
"Es wird kühler werden.", sagte er, als er in der Nähe der Bank war, um sich anzukündigen. Celluci wandte den Kopf und runzelte die Stirn. "Was wollen Sie denn hier?" Überrascht stellte der Vampir fest, dass keine Feindseligkeit in der Stimme des Menschen mitschwang. Er klang nur müde.
"Eine Freundin besuchen.", erwiderte er. "Darf ich?" Er deutete auf den Platz neben Celluci. Der nickte. "Und Sie?"
"Ich bin mit meiner Schwester hier."
"Wo ist sie?", fragte er, obwohl er genau wusste, wo sie war.
"Keine Ahnung."
Henry runzelte die Stirn. Irgendetwas passte nicht. "Was ist passiert?"
"Was immer passiert. Man streitet sich, ein Wort ergibt das andere und zack hat man Dinge gesagt, die man nie hatte sagen wollen."
"Ja, das kommt vor. Aber man versöhnt sich auch wieder."
Mike schnaufte nur als Antwort.
"Haben Sie mit ihr darüber geredet?"
"Nein."
"Sie sollten mit ihr reden."
"Sie kennen Celia nicht."
"Nein. Aber ich kenne Sie." Henry sah den Mann an. "Wenn sie nur halb so stur ist wie Sie, wird sie nicht auf Sie zukommen. Sie müssen zu ihr gehen."
"Dazu müsste ich erst einmal wissen, wo sie ist. UND sie allein erwischen."
"Sie ist auf dem Steg. Allein." Mike sah ihn verwirrt an. "Und ich kann dafür sorgen, dass sie noch eine Weile allein bleibt."
"Warum tun Sie das?"
Henry zuckte mit den Schulter. "Vielleicht habe ich heute eine menschliche Anwandlung."
Celluci runzelte die Stirn. Dann nickte er und erhob sich. Er ging einige Schritte in Richtung See und blieb dann stehen. Er wandte sich um. "Danke."
Henry nickte nur. Er machte sich auf Weg zum Haus, um Steven Jeffries zu beschäftigen.

***

Mike ging den Weg zum Steg hinunter. Als er die Holzplanken betrat, hallten seine Schritte wieder. Soviel zum Thema leise herankommen. Aber was sollte es. Wenn sie flüchten wollte, gab es nur zwei Wege: durchs Wasser oder an ihm vorbei. Er ging bis zur Plattform, wo sie auf einer der Bänke saß. Sie reagierte nicht, sondern starrte weiter aufs Wasser.
Er nagte an seiner Unterlippe. "Hey.", brachte er hervor.
"Hey.", erklang sehr leise die Antwort.
"Ich bin ein Idiot."
"Ich weiß."
Darauf wusste er im ersten Moment nichts zu antworten. Sie hob den Kopf und sah ihn an. Dann streckte sie die Hand nach ihm aus. Eine Bewegung, die er im schwachen Mondlicht eher erahnte, als wirklich sah. "Ich lieb dich trotzdem.", meinte sie leise.
Er setzte sich neben sie und für ein paar Minuten lang lagen sie sich einfach nur in den Armen. "Es tut mir leid, was ich gesagt habe."
"Du warst wütend."
"Das ist keine Entschuldigung."
"Nein, das ist es nicht. Es tat weh."
"Ich weiß."
"Warum hast du gedacht, dass ich mit Steve im Bett war?"
"Weil dein Bett unberührt war."
"Nur deshalb? Wie kommst du auf diesen Schwachsinn?"
"Ich habe keine Ahnung. Ich hab gestern Abend gemerkt, wie ihr miteinander geflirtet habt und …" "… du warst eifersüchtig.", beendete sie den Satz, als er nicht weitersprach.
Mike nickte. "Ich hab dich nie teilen müssen. Und es fühlt sich merkwürdig an." Sie lachte leise.
"Was?"
"Glaubst du ernsthaft, ich bin noch Jungfrau? Ich bin 36! Meine Jungfräulichkeit hab ich schon beim Abschlussball verloren."
"Nein! Sag jetzt nicht mit …"
"Doch."
"Aber der Typ war ein Gigolo."
"Ich weiß und ich wusste das auch damals. Trotzdem wollte ich es."
"Oh man. Hätte ich das geahnt …"
"… dann hättest du ihn gelyncht."
"Na ja, ich kann es ja noch nachholen." Sie knuffte ihn empört. Er grinste nur. "War ein Scherz."
"Ich weiß."
"Magst du ihn?"
"Wen? Steve?"
"Ja."
"Ich glaube schon. Er ist nett. Und er hat ein sympathisches Lachen. Ich mag seine Art, wie er mit Sarah umgeht. Er liebt sie sehr."
"Hm."
Celia drehte sich zu ihm, so dass ihre Gesichter einander zugewandt waren. Mike konnte die Wasserreflektion in ihren Augen sehen. "Irgendwann wirst du mich teilen müssen."
"Ich weiß." Er seufzte.
"Und du wirst auch jemanden finden."
Sie kuschelte sich in seine Arme. Mike schloss die Augen und dachte an Vicky. Er hatte den Jemand schon gefunden, nur wollte die davon nichts wissen.

***

Nach etwa einer Viertelstunde ließ Henry Steve gehen und tauchte in der Nacht unter. Der Mann blieb komplett verwirrt zurück. Henry beobachtete noch, wie er sich verschlafen die Augen rieb und dann den Kopf schüttelte. Anschließend ging er Richtung See.
Der Vampir drehte sich um, um weiter nach Dianne zu suchen und sog erschrocken die Luft ein. Er hatte wieder nicht mitbekommen, wie sie hinter ihm aufgetaucht war. Sie stand dadurch jetzt nur wenige Zentimeter vor ihm.
"Menschliche Anwandlung, hm.", meinte sie leise schmunzelnd.
Henry zuckte grinsend mit den Schultern. Sie hatte ihn also schon eine Weile beobachtet. Es verursachte ihm eine Gänsehaut, zu wissen, dass sie ihn beobachten und sich ihm nähern konnte, ohne dass er es mitbekam. Andererseits reizte es ihn auch unheimlich.
"Allerdings bevorzuge ich doch die vampirischen Anwandlungen an dir."
"Ach ja, welche denn zum Beispiel?"
"Zum Beispiel die Tatsache, dass du nachts genauso viel siehst wie ich. Komm." Sie griff nach seiner Hand und zog ihn mit sich. Gemeinsam tauchten sie in die Dunkelheit ein.
Henry hatte keine Mühe, ihr durch den Wald zu folgen, obwohl sie sehr schnell war, zumindest für menschliche Verhältnisse. Nach einiger Zeit kamen sie zu einer Lichtung.
Dianne ließ sich im Zentrum der Lichtung nieder. Henry setzte sich neben sie. Da er spürte, dass sie auf etwas wartete, lauschte er. Er hörte das Rascheln in den Zweigen der Sträucher noch bevor er die Tiere sah. Eine Fähe mit ihrem Nachwuchs, der mittlerweile selbst schon fast ebenso groß war wie sie, tauchte aus dem Gebüsch auf und lief bis auf etwa zwei Meter an sie heran. Dann blieb sie stehen und sicherte in Henrys Richtung. Ein leises Knurren entstieg ihrer Kehle. Eines der Jungtiere fauchte katzenartig. Im nächsten Moment erstarben beide Geräusche und die Tiere schauten wieder zu Dianne. Die Fähe neigte den Kopf und huschte näher. Ihre Schnauze stieß in die Hand der Frau und dann ließ sie sich kraulen. Etwas unsicher noch folgten ihr kurze Zeit später auch die beiden Jungfüchse.
Henry hielt der Fähe die Hand hin, als sie sich in seiner greifbaren Nähe befand. Die Fähe erstarrte. Fast schon fragend blickte sie Dianne an, die ihr zunickte. Der Vampir mutmaßte, dass diese Bewegung eher der menschlichen Gewohnheit entsprach, denn wirklich mit der Kommunikation mit dem Tier zu tun hatte. Er bewegte sich nicht. Noch immer befand sich seine Hand in unmittelbarer Nähe der Schnauze des Tieres. Die Fähe schnupperte an der Hand. Einer der Jungfüchse, ein Rüde, wie Henry schnell erkannte, sprang sie übermütig von der Seite an. Für einen kurzen Moment wurde Henrys zweites Gesicht sichtbar und er knurrte warnend. Sofort fing der Rüde an zu winseln. Mit eingekniffenem Schwanz verzog er sich hinter Dianne. Die Fähe hingegen hob den Kopf und musterte den Mann, der jetzt wieder menschlich aussah. Nach einer scheinbaren Ewigkeit stieß sie ihre Schnauze in seine Hand und ließ sich von ihm hinter den Ohren kraulen.
Die Frau grinste den Vampir an und nickte ihm zu. Henry erwiderte das Lächeln. Er wusste, jetzt war das Eis gebrochen.

***

Sonntag
Mike und Celia saßen beim Frühstück, als ein verschlafener, aber auch verwirrt dreinblickender Steven zu ihnen stieß.
"Hi." Cel lächelte ihn an.
"Hi." Er erwiderte müde das Lächeln. "Sag mal, wisst ihr, wo Sarah ist?"
"Nein, wieso?"
"Sie ist nicht in ihrem Zimmer."
"Hm, vielleicht ist sie bei den Pferden."
"Möglich."
Als er keine Anstalten machte, sich zu setzen, mischte Mike sich ein. "Es geht ihr sicher gut. Sie sollten was essen."
"Hm? Ja, natürlich. Sie haben Recht. Wahrscheinlich ist sie wirklich bei den Pferden." Sie frühstückten gemeinsam. Mike realisierte die Blicke, die sich Steve und Celia immer wieder zuwarfen. Es gab ihm einen Stich. Auch wenn er sich für seine Schwester freute, so bedeutete es trotzdem auch, sie teilen zu müssen. Ein Gedanke, der ihm im Moment nicht wirklich gefiel.
Nach dem Frühstück gingen sie zusammen zum Stall hinüber. Doch wider Erwarten fanden sie das Mädchen dort nicht. Allerdings waren auch die Pferde nicht da. Anscheinend hatte sie schon jemand auf die Koppel gelassen. Oder war ausgeritten.
Celia zuckte mit den Schultern. "Kein Grund zur Sorge. Es ist ein großes Gelände und es hat alles, was das Kinderherz begehrt." Sie lächelte. Doch Steven war die Sorge anzusehen.
Also wanderten sie zur Koppel, wo sie beide vertrauten Pferde vereint mit diversen anderen vorfanden. Doch auch hier war Sarah nirgends zu entdecken. Samir trabte auf sie zu, als er sie entdeckte. Der Hengst hatte eindeutig eine Vorliebe für die Frau entwickelt, denn er ignorierte die beiden Männer komplett. Er rieb seinen Kopf an Celia.
Mike konnte hören, wie sie leise mit dem Pferd redete. "Schade, dass ich noch nicht weiß, wie ich mit dir kommunizieren kann. Vielleicht hast du eine Ahnung, wo Sarah ist. Aber du kannst es mir nicht sagen." Er legte ihr die Hand auf die Schulter. Sie blickte auf.
"Wir finden sie.", flüsterte er. Cel nickte.
"Vielleicht ist sie bei Joshua.", wandte sie sich an Steve.
"Ja, gute Idee."
Joshuas Vater wollte gerade wegfahren, als das Trio ankam. Er stieg wieder aus dem Wagen aus und ging ihnen entgegen.
"Hallo. Sie müssen die Neuen sein. Ich bin Michael Dares.", begrüßte er sie.
"Mein Name ist Steven Jeffries. Das sind Celia Celluci und ihr Bruder Mike."
"Sir." Mike nickte dem Mann zu, während seine Schwester ihm die Hand reichte.
"Wir sind auf der Suche nach meiner Tochter, Sarah. Wir hatten gehofft, sie wäre bei Joshua."
"Josh? Der ist heute schon früh zu den Pferden und, soweit ich weiß, allein."
"Die Pferde sind auf der Koppel. Von Joshua war nichts zu sehen.", erwiderte Celia.
"Vielleicht ist er auf der Nordweide. Er ist mit dem Fahrrad los und hatte seinen Zeichenblock dabei. Er sitzt gern beim Unterstand und zeichnet die Pferde."
"Wo befindet sich die Nordweide?", fragte der Polizist.
"Im Norden.", murmelte Cel kaum hörbar. Mike legte den Arm um ihre Schultern und kniff sie unauffällig. Ihre Reaktion war nur an ihrem leichten Zusammenzucken zu merken.
Joshs Vater deutete Richtung Norden. "Etwa fünf Kilometer in diese Richtung. Ich kann Sie hinfahren, wenn Sie möchten. Zumindest bis zum Tor. Den Rest müssten Sie zu Fuß gehen."
"Das wäre sehr nett." Celia lächelte dem Mann zu.
Während Mike vorn einstieg, setzten sich Cel und Steven auf die Rückbank. Auf dem unebenen Weg, den Michael fuhr, wurde der Wagen gut durchgeschüttelt. Als der Polizist einmal nach hinten sah, erkannte er, dass die Beiden näher zusammengerückt waren und Steven den Arm um Celia gelegt hatte. Sein Blick traf sich mit dem seiner Schwester, die ihre Sonnenbrille ins Haar geschoben hatte. Sie zwinkerte ihm zu, was ihm ein leises Lächeln entlockte. Kopfschüttelnd wandte er seinen Blick wieder auf die Straße. Im nächsten Moment wurde der Wagen so heftig durchgeschüttelt, dass er sich am Armaturenbrett abstützen musste.
"Ist 'ne ganz schöne Buckelpiste, nicht wahr.", grinste Joshuas Vater. Mike nickte zustimmend. "Na ja, hier fährt auch seltenst mal was raus außer 'nem Trecker."
Kurze Zeit später erreichten sie das Tor der Weide. Michael setzte sie dort ab und fuhr den Weg wieder zurück. Die Drei blieben zurück und blickten der sich entfernenden Staubwolke noch einen Moment hinterher.
"Na dann, auf geht’s", meinte Mike und ging zum Tor. Mit wenigen Handgriffen hatte er es entriegelt. Hinter ihnen schloss er es wieder.
Gemeinsam liefen sie über die Wiese. Weit und breit war kein einziges Pferd zu sehen.
"Langsam bin ich mir nicht mehr so sicher, ob wir hier richtig sind. Sollte hier nicht ein Unterstand sein?" Steven schaute sich fragend um.
"Die Weide ist riesig. Aber normalerweise sind solche Unterstände entweder in der Mitte oder am Rand.", erwiderte Celia.
"Sollte mich das gerade beruhigen? Weil, diese Art von entweder oder ist nicht sehr ermutigend." Er deutete auf die Dimensionen der Weide.
"Ich denke, sie sieht größer aus, als sie ist. Allerdings muss ich sagen, dass ich noch nie eine Weide dieser Art gesehen habe."
"Was meinst du?", hakte Mike nach.
Celia deutete auf die Bäume, die überall standen. "Man hat eher das Gefühl, über eine große Lichtung zu laufen."
"Ist das gut oder schlecht?", fragte Steve.
"Das ist gut, sogar sehr gut. Die Pferde haben genug Möglichkeiten, in den Schatten zu gehen, und sich auszuweichen, wenn es mal Zoff gibt."
"Die zoffen sich?"
"Ja, warum sollte es bei Pferden anders sein als bei Menschen?"
"Auch wieder wahr."
"Ich glaube, da ist der Unterstand von dem Joshs Vater gesprochen hat." Mike deutete nach vorn. "Und da blitzt auch was in der Sonne. Könnte Joshs Fahrrad sein."
Celia kniff die Augen hinter der Sonnenbrille zusammen, schüttelte dann aber den Kopf. Ihr Bruder mutmaßte, dass sie das Fahrrad nicht erkennen konnte.
Sie fanden Joshua im Schatten des Unterstandes, einen Block auf dem Schoß.
"Hey, was macht ihr denn ihr?", fragte er überrascht.
"Wir suchen Sarah und dachten, sie wäre bei dir?"
"Sarah? Nein. Die habe ich heute noch gar nicht gesehen."
"Hast du eine Idee, wo sie sonst noch sein könnte? Bei den Pferden war sie nicht." Celia hatte die Hand auf Steves Schulter gelegt.
"Na ja, es gibt schon ein paar Plätze." Er dachte einen Moment nach, dann packte er sein Zeug zusammen und stand auf. "Ich schätze, ihr werdet einen Führer brauchen."

***

Es dunkelte bereits, als das Trio erschöpft zum Hauptgebäude zurückkehrte. Joshua hatten sie zu Hause abgeliefert.
"Wahrscheinlich sitzt sie jetzt bei Dianne und wundert sich, wo wir die ganze Zeit waren.", versuchte Celia, Steven aufzubauen.
"Ich hoffe, du hast Recht."
Dianne erschien in der rückwärtigen Tür, als sie gerade die Stufen hinauf stiegen. Sie musterte die durchgeschwitzten Gestalten. Dann schüttelte sie den Kopf. "Nein."
"Was nein?", erwiderte Mike.
"Sie ist nicht hier und ich habe sie den ganzen Tag nicht gesehen."
"Wer wird vermisst?" Henry tauchte hinter ihr auf.
"Sarah. Sie ist seit heute morgen spurlos verschwunden. Wir haben das gesamte Gelände abgesucht." Der Detective versuchte, sich eine Strähne aus dem Gesicht zu wischen, doch sie blieb hartnäckig kleben. Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, wie Celia einen Schritt zurück machte. Ihr entgeisterter Blick war auf den Vampir geheftet.
"Allein? Ihr kennt euch hier doch gar nicht aus."
"Joshua war bei ihnen. Er kennt das Gelände so gut wie kein anderer.", antwortete Dianne anstelle der Drei.
"Irgendeine Idee?" Henry sah sie fragend an.
"Nein." Sie schüttelte den Kopf. "Sie könnte sonst wo sein."
"Das Haus ist groß, vielleicht ist sie hier irgendwo."
"Das wäre möglich. Die Zimmer stehen während der Ferien leer. Allerdings …" Die Hausherrin rümpfte die Nase. "… sollten Sie erst einmal duschen."
"Das hat Zeit.", murrte Steve.
"Nein. Wollen Sie wirklich so Ihrer Tochter gegenübertreten?"
Steven schaute an sich herab. Das T-Shirt klebte von Schweiß durchtränkt an seinem Körper. Die Anderen sahen nicht viel besser aus. Zudem hatten sie überall Kratzer vom Gestrüpp, durch dass sie stellenweise gekrochen waren.
"Ich denke, sie hat Recht. Die Dusche wird uns nicht nur wieder zu Menschen machen, das Wasser wird uns auch helfen, wieder klarer zu denken. Mein Gehirn fühlt sich momentan an wie gegart." Celias blaue Augen schauten ihn liebevoll, aber auch erschöpft an.
Steve seufzte. Dann nickte er. "Okay."

***

Eine halbe Stunde später trafen sich alle im Speisesaal zur Lagebesprechung.
"Okay, wir bilden zwei Gruppen.", schlug Mike vor. Allerdings hatte er den dienstlichen Ton angeschlagen. Celia und Steven nickten, während Henry lediglich die Arme vor der Brust verschränkte. Von Dianne war keine sichtbare Reaktion wahrzunehmen. "Das bedeutet je Flügel eine Gruppe." Er wandte sich an den Vampir. "Sie gehen mit Steven und Celia."
"Nein." Der Protest seiner Schwester kam erschrocken. Ihre Augen hatten sich geweitet. Mike sah sie überrascht an. Mit dieser heftigen Abwehrreaktion hatte er nicht gerechnet, auch wenn er geahnt hatte, dass sie nicht darüber glücklich sein würde. Aber noch war sein Misstrauen gegenüber dieser Dianne nicht weg und daher wollte er sie nur ungern mit ihr allein lassen. Dem Vampir traute er aktuell mehr als ihr.
Henry neigte den Kopf und musterte die in seinen Augen junge Frau. Hatte sie tatsächlich solche Angst vor ihm? Eigentlich war das untypisch für einen Celluci. Oder hatte der Detective auch Angst? Nein. Hatte er nicht. Er mochte ihn nicht, das wusste der Vampir. Aber er respektierte ihn, genauso wie er selbst den Polizisten respektierte, auch wenn er das niemals so zugeben würde. Dazu waren sie zu sehr Konkurrenten um die Gunst von Vicky. Er folgte Celias Blick und stellte fest, dass sie und Mike sich wortlos ansahen. Kommunizierten sie gerade miteinander? Er blickte zu Dianne. Sie hatte die Stirn gerunzelt und musterte die beiden Menschen. Doch offenbar hatte sie seine Frage mitbekommen, denn ihr Blick wandte sich ihm zu. Sie schüttelte mit dem Kopf. Was auch immer das bedeuten mochte. Entweder sie kommunizierten nicht oder Dianne konnte es nicht hören.
"Ich höre es nicht.", vernahm er ihre Stimme in seinem Kopf. Ihre Stirn lag in Falten. Es war offensichtlich, dass ihr das nicht gefiel. Henry fragte sich, warum. Verwarf den Gedanken aber schleunigst wieder, damit sie ihn nicht mitbekam. Doch offensichtlich beschäftigte sie sich zu sehr mit den Beiden, als dass sie es gehört hätte. Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder den Geschwistern zu. Kurze Zeit später sah er, wie Celia tief durchatmete und dann nickte.
"Okay, Dianne, Sie gehen mit mir." Mike stieß sich von der Tischkante ab, an der er gelehnt hatte. Henry musterte erneut die Schwester seines Konkurrenten. Sie machte ihn immer neugieriger.

***

Dianne hatte Henry einen Generalschlüssel für sämtliche Zimmer gegeben. Immerhin war es möglich, die Räume von innen zu verriegeln. Er spürte Celias Blick auf sich ruhen und hob den Kopf. Er schenkte ihr sein charmantestes Lächeln, doch sie runzelte nur die Stirn.
"Vielleicht wäre es besser, Sie geben mir den Schlüssel.", sagte sie mit fester Stimme. Für einen Moment hatte er das Gefühl, ihre Angst wäre weg. Äußerlich war ihr auch nichts mehr anzumerken. Doch als er seine Vampirsinne einsetzte, hörte er ihren beschleunigten Herzschlag, sah ihre leicht erweiterten Pupillen. Doch er roch nicht die Angst, die er erwartet hatte. Was hätte er im Moment dafür gegeben, zu erfahren, was sie und Michael Celluci lautlos besprochen hatten. Was hatte ihr der Detective gesagt, das ihre Angst gemindert hatte? Sein Blick traf sich mit dem ihren. Ihre Augen waren schmaler geworden und ihre Mundwinkel umspielte ein fast schon spöttisches Lächeln.
Henry biss die Zähne zusammen. Er warf ihr den Schlüssel zu. Mit einer gekonnten Bewegung fing sie ihn auf. Dann wandte sie sich um, und ging zielstrebig voran.
Henry blieb einen Moment lang stehen. Steven sah ihn an. "Sie ist umwerfend, nicht war?" Grinste er. Der Vampir schluckte. Wieso hatte er gerade das verdammte Gefühl, dass sie etwas über ihn wussten, was ihm unangenehm war? Aber was? Missmutig folgte er ihr.
Während sie die ersten Zimmer durchsuchten, fasste Henry den Entschluss, die Frau für sich zu erobern. Er nutzte daraufhin jede Gelegenheit, ihr die Tür aufzuhalten oder sonst wie zur Hand zu gehen. Nach einer knappen Stunde hatten sie alle Zimmer gründlich durchkämmt, aber er war ihr keinen Schritt näher gekommen. Es frustrierte ihn. Natürlich hätte er seine Macht nutzen können, um sie zu manipulieren, aber er wollte, dass sie seinem Charme erlag. Was ihm allerdings partout nicht gelingen wollte. Das Einzige, was er erreicht hatte, war, dass sie ihre Abscheu ihm gegenüber ablegte. Nun ja, vielleicht war das zumindest ein Anfang.
Mike und Dianne durchforschten die Räume des gegenüberliegenden Flügels. Doch auch hier wurden sie nicht fündig. Die Telepathin hatte das Mädchen auch mit ihren Fähigkeiten nicht erspüren können. Allerdings wurde Mike das ungute Gefühl nicht los, dass die Frau etwas verbarg. Nach etwas mehr als einer Stunde trafen sie im Speisesaal wieder auf ihre drei Kameraden. Dem geknickten Gesichtsausdruck von Steve nach zu urteilen, hatten auch sie keine Spur gefunden. Erschöpft und frustriert ließen sich zumindest die Menschen auf die Stühle sinken.
"Gibt es hier im Haus noch andere Räume? Einen Keller? Oder einen Fluchttunnel?" Henry sah Dianne fragend an.
"Nein.", erwiderte die knapp.
Aus dem Augenwinkel nahm der Vampir wahr, wie Celia erstaunt den Kopf hob. "Warum lügst du?", fragte sie irritiert.
Dianne runzelte die Stirn. "Warum sollte ich lügen?"
Die jüngere Frau neigte den Kopf. Sie wirkte verunsichert. Henry beobachtete, wie Mike ihr die Hand auf die Schulter legte. Die Beiden sahen sich kurz in die Augen.
"Es war eine Lüge." Sie schüttelte den Kopf. "Warum tust du das? Was versuchst du zu verbergen?" Die ehemals als Göttin verehrte Frau schwieg.
"Sagen Sie es uns, bitte.", flehte Steven.
"Wenn es noch einen Ort gibt, an dem sie noch sein könnte, dann sagen Sie es uns. Ansonsten habe ich keine andere Wahl, als die örtliche Polizei einzuschalten.", mischte nun auch Mike sich ein.
"Nein!", erwiderte die Frau. "Keine Polizei!"
Der Detective runzelte die Stirn.
"Zu spät. Du hast bereits zwei Cops an Bord." Celia verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre Tonlage hatte sich verschärft. Mike wusste, dass sie jetzt im Dienst war. Er hörte es, er fühlte es. Ihm ging es nicht anders. Dianne hatte etwas zu verbergen. Nun war es amtlich.
"Das ist etwas anderes. Ihr wisst Bescheid. Wenn hier Schnüffler auftauchen und herauskommt, wen wir hier ausbilden, dann haben wir in Null Komma Nix die Bevölkerung im Nacken von wegen Hexerei, Satanismus et cetera."
Celia schnaufte. Mike war sich nicht sicher, ob es eine Antwort auf die Bezeichnung Schnüffler war oder auf die Feststellung, was passieren würde, wenn die Leute herausfanden, was das hier für eine Schule war.
"Dann reden Sie mit uns."
Als Dianne keine Anstalten machte, etwas zu sagen, stand Henry binnen Bruchteilen einer Sekunde direkt vor ihr. Er trug sein zweites Gesicht und seine Stimme war deutlich tiefer geworden. "Sag es uns!", forderte er knapp.
Die Augen der Frau weiteten sich. Celluci realisierte, dass sie nicht unempfänglich gegen den Willen des Vampirs war. Gewissermaßen erschreckte ihn das. Andererseits war es im Moment vielleicht die einzige Möglichkeit, die Wahrheit zu erfahren.
"Ja, es gibt einen Keller.", beantwortete Dianne nach scheinbar einer Ewigkeit die Frage. "Aber …" Sie schluckte. "… da lebt Aaron."
"Wer ist Aaron?", hakte Mike sofort nach. Er hatte sich nach vorn gelehnt.
Die Frau sträubte sich, so dass Henry sofort seinen mentalen Griff verstärkte. Es war selten notwendig, dass er mit einer solchen Intensität beeinflussen musste, aber es handelte sich ja auch nicht um eine normale Frau. "Wer ist Aaron?", wiederholte er die Frage mit tiefer Stimme.
Dianne wand sich unter seinem Einfluss, doch er hatte zwischenzeitlich ihren Nacken umklammert, so dass sie gezwungen war, ihm in die Augen zu sehen. "Er … er ist mein Sohn."
"Was?" Verwirrt ließ Henry sie fahren.
'Verdammter Bastard!', hörte er schrill in seinem Kopf. Wütend funkelte sie ihn an. Doch es war ihm egal. Er war zu verblüfft.
"Wieso lebt dein Sohn im Keller? Und wieso weiß niemand von ihm?"
"Wie kommst du darauf, dass niemand von ihm weiß?", fauchte sie ihn an.
"Weil du sonst nicht so massiv versucht hättest, es vor uns zu verbergen.", erwiderte Celia an seiner Stelle. Henry nickte nur zustimmend.
"Also. Wir warten." Mike hatte die Arme vor der Brust verschränkt.
Diannes Wangenmuskeln spielten deutlich sichtbar. Sie rang unverkennbar mit sich.
"Warum versteckst du ihn?" Celia war zu ihr getreten. Ihr Stimme klang sanft.
"Um ihn zu schützen."
"Wovor?"
"Vor Licht und … vor Häme."
"Vor Häme?"
Die Frau nickte. Für einen Moment schloss sie die Augen.
Henry hatte die Stirn gerunzelt. Hatte sie wirklich eben gesagt, sie müsse ihren Sohn vor Licht schützen? Hatte er nur eine Sonnenallergie oder war er vielleicht … Er mochte den Gedanken nicht fortführen. Er schüttelte den Kopf. Es war schlicht und einfach unmöglich. Er konnte keine Kinder zeugen. Aber er konnte verwandeln. Hatte er damals vielleicht unwissentlich ihren Sohn …
"Folgt mir.", erklang Diannes Stimme und riss ihn aus seinen Gedanken.
Die Menschen tauschten Blicke aus. Letztendlich erhob sich Steven und die Drei folgten ihr. Auch Henry ging ihr nach.

***