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3. Teil von

Blood Ties – Gifted 2


Autor: foxy [at] harperfront.com

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Während Henry sich wieder in der Gewalt des Tages befand und damit vorerst keine Gefahr für seine Schwester darstellte, hatte Mike sich aufgemacht, die an das Grundstück der Hardys angrenzenden Anwesen abzuklappern. Kate Lam und Dave Graham hatten sich zu ihm gesellt, nachdem er sie über die nächtlichen Erkenntnisse unterrichtet hatte. Natürlich hatte er ihnen nicht erzählt, unter welchen Umständen genau er dazu gekommen war. Lediglich seinen Ausflug mit Cel hatte er geschildert. Da sie für die RCMP arbeitete, war das auch kein Problem gewesen und Crowley hatte anerkennend genickt. Selten genug in den letzten Monaten.
Trotzdem war er gedanklich nicht hundertprozentig bei der Sache. Er machte sich Sorgen. Er wusste noch immer nicht, was er von dieser Dianne halten sollte. Und jetzt hatte sie Cel um den Finger gewickelt. Er wusste, die beiden Frauen waren in diesem Moment zusammen und redeten. Angst umklammerte seine Brust. Angst vor dem, was kommen würde. Er biss die Zähne zusammen und rief sich Celias Worte ins Gedächtnis. "Wenn sie ausgebildete Telepathin ist und mir dabei helfen kann, damit umzugehen, dann … Mike, weißt du, was das bedeuten würde? Ich wäre endlich frei!" Und dabei hatten ihre Augen geleuchtet, wie lange nicht mehr. Er betete, dass sie damit recht hatte. Er wollte nicht, dass sie falschen Hoffnungen erlag oder gar verletzt wurde.
"Ich hab was." Daves Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Der Polizist deutete auf eine gut getarnte Kamera. Mike selbst war bereits zweimal daran vorbeigelaufen, ohne sie gesehen zu haben. "Wem gehört das Grundstück?"
Kate schaute in ihre Aufzeichnungen. "Denzel Mayweather. Ein Galerist."
"Gut. Dann statten wir Mr. Mayweather doch mal einen Besuch ab."
Kurze Zeit später befanden Sie sich am Eingang des Grundstückes. Mike hatte die Gegensprechanlage aktiviert. "Detective Sergeant Michael Celluci und Detective Kate Lam. Toronto Police Service. Wir möchten mit Mr. Mayweather sprechen." Er hielt seine Marke vor die kleine Kamera, die daran montiert war.
Ein Summen ertönte und die Tür neben dem großen Tor ließ sich öffnen. Sie gingen hinein und liefen den Kiesweg zum Haupthaus, welches eher einem kleinen Schloss ähnelte.
Ein Mann mit einem zitternden Chihuahua auf dem Arm trat vor die Tür. Sein Gesichtsausdruck konnte am besten mit pikiert beschrieben werden. "Detectives. Was kann ich für Sie tun?", erklang eine nasale Stimme.
"Sie besitzen eine Überwachungskamera, Mr. Mayweather?"
"Eine? Dutzende!"
"Werden von denen auch Aufzeichnungen gemacht oder übertragen sie nur Livebilder?"
"Mein Sicherheitssystem nimmt sämtliche Bewegungen um mein Grundstück herum und innerhalb auf."
"Haben Sie noch die Aufzeichnungen von der Nacht zum letzten Sonntag?"
"Aber natürlich. Wofür benötigen Sie die denn?"
"Wir sind auf der Suche nach einem Mörder. Und Ihre Aufzeichnungen könnten den entscheidenden Hinweis enthalten."
"Oh, wie aufregend. Kommen Sie, kommen Sie." Die Karikatur eines Mannes tippelte voran und die beiden Polizisten folgten ihm.
In einem fensterlosen Raum befanden sich diverse Überwachungsmonitore sowie ein Regal mit beschrifteten Video-CDs.
"Hier hätten wir den Samstag." Mayweather zog mit spitzen Fingern eine CD hervor. "Und hier ist der Sonntag." Beide CDs drückte er Celluci in die Hand.
"Dürfen wir uns die Aufnahmen ausleihen?"
"Behalten Sie sie ruhig. Behalten Sie sie. Es ist mir eine Freude bei der Verbrechensbekämpfung behilflich sein zu können." Der Mann strahlte.
Sie verließen den Raum wieder und gingen zurück zur Haustür.
"Wollen Sie nicht noch auf einen Tee oder Kaffee bleiben?"
"Nein, danke. Wir haben noch zu tun. Vielen Dank für Ihre Unterstützung."
"Aber natürlich. Wie ich schon sagte, es ist mir eine Freude, Sie zu unterstützen." Kate und Mike wandten sich zum Gehen. "Ach, Detective Celluci. Interessieren Sie sich für Kunst?"
"Kommt darauf an.", erwiderte der misstrauisch.
"Wenn Sie mal wieder in der Nähe sind, ich würde mich freuen, Ihnen meine Galerie zu zeigen." Mayweather fabrizierte einen Augenaufschlag, der jede Frau neidisch gemacht hätte. Sein Chihuahua kläffte wie zur Bestätigung.
Mike schluckte. "Danke für das Angebot und die Aufzeichnungen." Er zeigte die CDs noch einmal überdeutlich. "Einen schönen Tag noch."
"Ich würde mich freuen, Ihnen meine Galerie zu zeigen.", äffte Kate grinsend nach. "Ich schätze, der wollte dir lieber ganz was anderes zeigen."
Celluci knurrte nur, was die Frau noch mehr zum Lachen brachte.

***

"Sollen wir uns jetzt die gesamten 48 Stunden ansehen?", fragte Dave wenig begeistert.
"Nein. Die Leiche wurde um 3.15 Uhr gefunden. Laut Autopsiebericht ist das Opfer zwischen 11 Uhr abends am Samstag und 1 Uhr am Sonntag gestorben."
"Das wäre immer noch der gesamte Samstag plus eine Stunde Sonntag. Macht immer noch 25 Stunden."
"Dave, kann es sein, dass du andere Pläne hast?"
"Meine Freundin wollte heute mit mir schick essen gehen. Und sie hat letztens in so einem Online Dessous-Shop eingekauft. Na ja, und ich hoffe, dass …"
"Okay, erspare mir die Details. Ich kann es mir denken.", bremste Celluci ihn aus. "Wann wurde Hardy zuletzt bei den Dreharbeiten gesichtet?"
"Die letzten Takes wurden um 2.10 Uhr morgens aufgenommen." Kate verzog das Gesicht. "Das spricht nicht gerade für ihn als Täter."
"Gab es zwischendurch eine Drehpause?"
Sie las nach. "Ja, zwischen 11.20 Uhr abends und 0.45 Uhr morgens, weil sich ein Darsteller sein Kostüm zerfetzt hat." Sie hob die Augenbrauen. "Haben die keine Ersatzkostüme?", fügte sie leise nachdenklich hinzu.
"Das dürfte dann aber ein sehr spontaner Mordtrip gewesen sein.", erwiderte Dave skeptisch. "Vielleicht hat er einfach nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet. Immerhin hatte er Vicky für die ganze Woche im Voraus bezahlt."
"Und das ist dann wohl mein Stichwort." Vicky kam zur Tür herein.
"Was machst du hier?"
"Ich arbeite an diesem Fall."
"Nein, nein, nein. Das ist ein Mordfall. Das ist Aufgabe des Morddezernats, dem DU nicht mehr angehörst.", widersprach Mike.
"Wenn du mir jetzt kommst mit, das ist ein Fall für die Profis, dann schneide ich dir die Eier ab."
"Charmant.", murmelte Kate über einen Schluck Kaffee.
"Ja, so war sie schon immer.", grinste Celluci genervt. Dann wandte er sich wieder an Vicky. "Wenn du nichts für uns hast, dann solltest du hier verschwinden, bevor Crowley spitz kriegt, dass du hier bist."
"Zu spät.", bemerkte Dave, der Crowley bereits kommen sah.
"Ms. Nelson. Hatte ich mich nicht klar und deutlich ausgedrückt, dass ich Sie hier nicht mehr sehen will?"
"Ich bin nur ein aufmerksamer Bürger, der seiner Informationspflicht gegenüber der Polizei nachkommt." Vicky hob abwehrend die Hände.
"Aha."
"Ich habe mir den finanziellen Hintergrund von Mr. Hardy und seinem aktuellen Projekt angesehen. Sieht so aus, als hätte sich da jemand verkalkuliert. Die Kosten übersteigen bei weitem die veranschlagten Gelder, so dass er jetzt schon auf einer Million Miesen sitzt."
"Was kein Motiv ist, da Mrs. Hardy kein Geld verdiente und auch nicht über eigenes Vermögen verfügt. Und damit nutzlose Information." Crowley verschränkte die Arme vor der Brust.
"Ich bin ja auch noch nicht fertig." Vicky zog grinsend ein zweites Blatt hervor. "Mrs. Hardy hat nämlich geerbt. Eine reiche Tante aus …" Sie las den Namen ab. "… Ryton-on-Dunsmore, England, ist letzten Monat verstorben und hinterlässt Mrs. Hardy als Alleinerbin ein Vermögen in Höhe von umgerechnet 36 Millionen Dollar in Aktien und Bargeld plus Ländereien in etwa noch einmal dem doppelten Wert."
Dave pfiff anerkennend. "Das nenne ich mal ein gutes Motiv."
Crowley runzelte die Stirn. "Okay. Einverstanden. Überlassen Sie uns die Informationen und dann verschwinden Sie von hier." Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und brauste davon.
"Hach ja, liebenswert wie immer.", seufzte Vicky.
"Ja." Mike hielt ihr die offenen Hand hin.
"Was?"
"Gibst du mir bitte die Informationen?" Sie drückte ihm seufzend die Mappe in die Hand. Er behielt sie in selbiger und wartete.
"Was?"
"Du hast Crowley gehört."
"Du machst Witze?!"
"Siehst du mich lachen?"
"Was ist nur mit euch los? Wart ihr schon immer so steif und ich habe es nur nicht mitbekommen?"
Vicky erhielt keine Antwort. Dave starrte auf seine Krawatte, die plötzlich ein unheimlich faszinierendes Muster hatte, und Kate versuchte, die Tiefen ihrer Kaffeetasse zu ergründen. Nur Mike sah sie direkt an, hatte allerdings seinen Gesichtsausdruck irgendwo zwischen genervt und unbeeindruckter Cop einfrieren lassen.
"Okay, okay. Ich geh ja schon. Unterhalte ich mich halt mit Celia, die ist wenigstens nett." Damit machte sie kehrt und düste davon.
Als Mike ihre Worte klar wurden, war es bereits zu spät. "Was zur …? Diese Frau treibt mich in den Wahnsinn."
"Wer? Celia oder Vicky?", fragte Dave.
Kate und Mike sahen ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
"Was?"

***

Mittwoch Abend
Als Henry erwachte, war sein Appartement leer. Enttäuschung machte sich breit, nachdem er auch keinerlei Nachricht vorfand, weder auf dem Anrufbeantworter noch in schriftlicher Form. Er griff zum Telefon und wählte Vickys Nummer. Doch bevor er die grüne Taste drückte, entschied er sich anders. "Henry Fitzroy, du wirst doch jetzt nicht anfangen, den Frauen hinterherzulaufen? Das hast du nicht nötig." Er drückte die rote Taste und löschte damit die Nummer aus dem Display. Der Vampir zog seine Jacke über und verließ das Appartement. Er würde sich jetzt anderweitig ablenken.
Kurze Zeit später erreichte er einen seiner Lieblingsclubs. Es war kein echter Swinger Club, aber Partnertausch stand ganz weit oben auf der Liste. Egal, ob man allein kam oder nicht. Hier ging es nur darum, Spaß zu haben und zwar mit wechselnden Partnern. Kaum hatte er den stickigen Raum betreten, klebten auch schon die ersten beiden Frauen an ihm. Er lächelte ihnen zu, wies sie jedoch ab. Seine feine Nase hatte sofort erkannt, dass in ihren Adern kein gesundes Blut mehr pulsierte. Sie hatten sich beide irgendwelche Drogen reingezogen. Den Fehler, solches Blut zu trinken, hatte er nur einmal gemacht. Und damals hatte es ihn fast umgebracht, als er im Rausch der Sonne entgegengegangen war. Im letzten Moment war sein ureigener Überlebensinstinkt eingesprungen und hatte ihn vor dem Ende bewahrt.
Henry ließ den Blick schweifen. Eine Frau, etwa Anfang, Mitte 40, stand allein an der Seite und nippte an einem Glas Rotwein. Sie war weder besonders schön, noch besonders schlank. Entsprechend ließen die meisten Männer sie links liegen, da es bedeutend reizvollere Auswahl gab. Der Vampir steuerte auf sie zu.
"My Lady." Sie schaute auf und versank in Henrys Augen. Er griff nach ihrer Hand und hauchte einen Kuss auf die Oberseite. "Was treibt eine Frau wie Euch in ein solches Etablissement?" "Die Frage könnte ich zurückgeben. Sie sehen nicht so aus, als hätten Sie es nötig, hier nach Frauenabenteuern Ausschau zu halten."
"Ich suche nicht nach einem Abenteuer, sondern nach einer Herausforderung. Und wie ich sehe, ist mir auch diesmal mein Glück hold."
"Sie finden sicher eine deutlich jüngere Herausforderung."
"Seit wann kann ein unreifer Pfirsich mit der Süße einer reifen, prallen Frucht mithalten?" Er spürte, wie sie erschauerte. Ihr Puls hatte sich beschleunigt. Er näherte seine Lippen ihrem Hals und flüsterte: "Lasst mich von Eurer Süße kosten und ich lasse Euch in Lust wandeln." Seine Zungenspitze strich über ihre Halsschlagader, die deutlich pulsierte. Kaum konnte er sich noch zurückhalten. Aber er wusste, wenn er in Ruhe trinken und genießen wollte, dann brauchte es mehr. "Sie sind sehr von sich eingenommen."
"Findet heraus, ob ich es zurecht bin." Er lächelte und wusste, er hatte sie. Gemeinsam verschwanden sie in einem der Hinterzimmer, in dem er sein Versprechen erfüllte.

***

Mike steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um. Doch es kam nicht der erwartete Widerstand. Er musste ihn zweimal umdrehen, ehe der Schnapper fasste und die Tür sich öffnen ließ. Angenehm kühle Luft empfing ihn, da sämtliche Jalousien heruntergelassen waren. Er hängte sein Jackett an einen Haken im Flur und ging in die Küche. Kein Zettel lag auf dem Tisch. Er runzelte die Stirn und ging zum Telefon. Auch hier blinkte nichts.
Unruhig nagte der Polizist an seiner Unterlippe. Das war definitiv nicht Celias Art. Er ging ins Schlafzimmer und öffnete den Kleiderschrank. Einige ihrer Sachen hingen auf den Bügeln. Gut, das bedeutete zumindest, dass sie nicht einfach abgereist war. Aber wo war sie?
Er griff nach dem Telefon und wählte ihre Handynummer. Die Mailbox ging sofort ran, also war das Handy entweder aus oder in einem Funkloch. "Cel. Hier ist Mike. Wo steckst du? Melde dich bitte bei mir." Er warf das Telefon aufs Bett und setzte sich auf die Kante. Auf dem Nachttisch stand ein Foto. Celia hatte es mitgebracht. Es war vor einer gefühlten Ewigkeit bei ihrem letzten gemeinsamen Urlaub aufgenommen worden. Es zeigte sie beide am Strand. Sie saßen hintereinander und er hatte die Arme um sie gelegt. Ihre Wange lehnte an seiner und sie strahlten beide. Das war kurz bevor er an die Polizeiakademie gegangen war.
"Wir müssen dringend ein neues Bild machen. Ich sehe ja furchtbar darauf aus.", murmelte er. Er stellte das Bild wieder zurück und stand auf. Unruhig lief er auf und ab. Immer wieder ging sein Blick zum Telefon.
"Verdammt!", fluchte er und griff das Mobilteil erneut. Er wählte die Nummer von Henrys Appartement. Doch auch hier ging nur die Mailbox ran. Er legte auf, bevor der Piepton ertönte.
"Vicky." Er wählte die Nummer ihres Büros. Anrufbeantworter. Handy. Freizeichen.
"Hallo Mike.", begrüßte ihn ihre vertraute Stimme.
"Ist Celia bei dir?"
"Ja, mir geht es auch gut. Danke der Nachfrage. Und nein, ich bin dir nicht mehr böse, dass du mich heute Nachmittag so einfach rausgeschmissen hast."
"Ich meine es ernst, Vicky. Ist Celia bei dir?"
"Nein."
"Weißt du, wo sie ist?"
"Nein."
"Hast du mit ihr gesprochen?"
"Nein. Sie ging nicht ans Telefon."
"Verdammt!"
"Mike, was ist los?"
"Sie ist mit dieser Dianne unterwegs. Henrys Freundin."
"Wann sind die Beiden sich denn begegnet?"
"Ist eine lange Geschichte. Ist Henry bei dir?"
"Nein."
"Dann ruf ihn bitte an und frag ihn, ob er weiß, wo sie ist."
Einen kurzen Moment war Schweigen am anderen Ende der Leitung. "Du machst dir wirklich Sorgen, nicht wahr?"
"Ja."
"Wir sollten uns treffen. Bist du zu Hause?"
"Ja."
"Ich komme hin und unterwegs rufe ich Henry an."
"Okay."

***

Mike saß in seinem Fernsehsessel als er das Kratzen eines Schlüssels am Türschloss vernahm. Er sprang auf und war binnen Sekunden bei der Tür. Er riss sie auf.
Celia griff sich erschrocken an die Brust. "Mike! Willst du mich umbringen!?"
"Wo warst du?", blaffte er.
"Was? Wovon redest du?" Verwirrt sah sie ihn an.
"Wo du warst?" Sein Tonfall hatte sich kein bisschen geändert. Er klang verärgert.
"Mit Dianne unterwegs." Sie runzelte die Stirn. "Darf ich reinkommen oder soll ich wieder gehen?" Er trat einen Schritt beiseite und ließ sie ein. Sie ging an ihm vorbei, ließ ihren Rucksack auf den Boden sinken und marschierte schnurstracks in die Küche. Dann verschränkte sie die Arme und blitzte ihn an.
"Okay. Kannst du mir jetzt bitte mal erklären, was diese Begrüßung soll?"
"Ich habe mir Sorgen gemacht. Es hätte sonst was passiert sein können. Keine Nachricht, kein Handy, nichts."
"Schön. Du hast dir Sorgen gemacht. Okay. Aber kein Grund mich derart anzublaffen. Ich bin kein kleines Kind mehr und kann verdammt gut auf mich selbst aufpassen."
"Du hattest eine Augen-OP." Er deutete auf die Sonnenbrille, die in ihren Haaren steckte.
"Okay, den lass ich gelten. Nichtsdestotrotz kein Grund mich derart anzufahren."
"Du hättest eine Nachricht hinterlassen können.", knurrte Mike.
"Erstens: habe ich dir heute morgen gesagt, dass ich den Tag mit Dianne verbringen will. Dass sie mir erklären will, was das mit meiner Fähigkeit ist und wie ich damit umgehen kann. Wie ich LERNEN kann, damit umzugehen." Sie holte Luft. "Zweitens: ist es noch nicht einmal Mitternacht, also weit vor einer Uhrzeit, zu der man sich bei einer erwachsenen Frau anfängt Sorgen zu machen. Drittens: habe ich mein Handy vergessen. Es liegt in der Schublade im Nachtschrank. Viertens: HABE ich dir eine Nachricht hinterlassen."
Jetzt sah er verwirrt aus. "Wo?"
"Im Präsidium. Da ich mein Handy vergessen habe, hatte ich auch keine Telefonnummern dabei. Also habe ich auf der Hotline des Präsidiums angerufen. Du warst nicht im Büro, also habe ich eine Nachricht hinterlassen, die dir umgehend zugestellt werden sollte."
Mike verzog betreten das Gesicht. "Du hast nicht durch Zufall mit Petrello gesprochen?"
"Doch. Wieso?"
"Weil der heute Nachmittag einen Herzanfall hatte. Er liegt im Krankenhaus."
"Oh."
Der Detective starrte auf seine Schuhe. "Es tut mir leid. Ich hab mich wie ein Vollidiot benommen."
"Na ja, wenigstens wie ein besorgter Vollidiot." Sie trat zu ihm, nahm seine Hände und legte ihre Stirn an seine. "Aber könntest du dir bitte abgewöhnen, Leute anzublaffen, wenn du dir Sorgen um sie machst?"
Er grinste. "Du kennst mich doch."
"Ja, aber trotzdem nicht so angenehm. Weißt du, wie erschrocken ich vorhin bin?"
"Sorry." Es läutete an der Tür. "Oh.", meinte er nur.
"Vicky?"
"Ja. Ich hab sie angerufen, ob sie vielleicht wüsste, wo du bist. Sie hat gemerkt, dass ich mir Sorgen mache und wollte vorbeikommen."
"Dann solltest du sie reinlassen."

***

"Okay, ich fasse mal zusammen." Vicky saß auf Mikes Sessel, während die Geschwister nebeneinander auf der Couch hockten. "Celia ist Telepathin. Das fing schon an, als sie ein kleines Mädchen war. Du wusstest das und eure Großmutter." Mike nickte. "Eure Großmutter hat euch aber geraten, dass für euch zu behalten, weil die Leute einschließlich eurer Familie damit ein Problem haben könnten." Diesmal nickten beide.
Vicky sah Mike beleidigt an. "Und du sagst immer zu mir, ich soll dir nicht mit übernatürlichem Zeug kommen, dabei hast du's in der eigenen Familie."
"Das hat doch nichts mit Übernatürlichem zu tun!", protestierte er. "Sie hört lediglich Gedanken."
"Klar!"
"Vicky.", mischte sich Cel ein. "Ich denke, es ist etwas Anderes, wenn man mit dem Wissen um etwas aufwächst, als wenn man mit fast 40 plötzlich damit konfrontiert wird."
"Danke, dass du mich daran erinnerst.", maulte Mike, als sie sein bald erreichtes Alter erwähnte.
"Du hast ja noch eine Gnadenfrist." Celia grinste ihn an und wandte sich dann wieder an Vicky.
"Für mich war das auch nie leicht. Zumal ich es nur schwer blocken konnte. Manchmal half es, wenn ich mich auf meine eigenen Gedanken konzentrierte oder auf eine Melodie, aber sobald mehr als 5-6 Leute um mich herum waren, wurde es immer schwieriger. Mike hat immer versucht, mich von so was fernzuhalten. Er war auch derjenige, der mir geholfen hat, in der Provinz bei der RCMP unterzukommen."
"Wie hast du die Ausbildung überstanden?"
"Mit einem ärztlichen Attest."
"Was für ein Attest?"
"Ochlophobie."
"Angst vor Menschenmassen? Damit wird man bei der Polizei doch aber gar nicht zugelassen."
"Ich sagte ja, Mike hat mir geholfen."
"Ich habe ein paar Fäden gezogen." Er zuckte mit den Schultern.
"Ich glaube, ich will's gar nicht wissen." Vicky schüttelte den Kopf und zog ein Bein unter den Körper. "Wie geht es jetzt weiter?"
"Ich werde mit Dianne gehen."
"Was?" Mike sah sie verwirrt an. "Wie meinst du das?"
"In die Artemis School for the Gifted?", fragte Vicky.
"Ja. Genau."
"Was ist das für eine Schule?", hakte Celluci nach.
"Wie der Name schon sagt, eine Schule für Leute mit besonderen Fähigkeiten. Wobei es dort nicht um Superhirne geht, die im Kopf eine Quadratwurzel aus einer 90-stelligen Zahl ziehen können. Es gibt dort Telepathen, Telekineten, Empathen und so weiter."
Cel nickte zustimmend.
"Woher kennst du die Schule?"
"Erinnerst du dich noch an den Tag, an dem du herausgefunden hast, was Henry ist?"
"Nur zu gut." Er runzelte die Stirn in Erinnerung daran, wie leicht der Vampir ihn fast erwürgt hatte. Instinktiv griff er sich an den Hals.
"Erinnerst du dich auch noch an Sarah Jeffries und Buttercup?"
Mike dachte einen Moment nach. Dann dämmerte es ihm. "Ja."
"Ihr Vater kam letzte Woche zu mir und bat mich und Henry darum, die Schule zu überprüfen, weil er seine Tochter dort hinschicken will. Und er wollte nicht noch einmal so etwas erleben, wie in der Cobb Academy."
"Verständlich."
"Tja, und welche Überraschung, Henrys alte Freundin leitet die Schule."
"Sie haben dort ihren eigenen Reitstall. Und sie könnten eine Reitlehrerin brauchen. Ich könnte das übernehmen, während Dianne mich ausbildet." Cel lächelte.
"Inwiefern ausbildet?"
"Ich werde lernen, Gedanken anderer Leute auszublenden, zu blocken. Außerdem meine Fähigkeit gezielt einzusetzen, wenn ich Informationen brauche und so weiter. Sie meint, es wird ein paar Monate dauern bis ich das beherrsche, da ich ja doch nicht mehr die Jüngste bin." Sie verdrehte die Augen. "Aber wenn ich fertig bin, könnte ich auch in einer Großstadt arbeiten." Sie sah ihn direkt an. "Ich könnte wieder zur RCMP zurück oder zur lokalen Polizei wechseln."
Mike strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. "Wie willst du denen erklären, dass du für ein paar Monate ausfällst?"
"Unbezahlter Urlaub aus gesundheitlichen Gründen."
"Das wird auf jeden Fall einen Eintrag in deiner Akte geben."
"Na ja, ich wollte eh nie Commissioner werden." Sie zwinkerte ihm zu. "Aber ich könnte mich dann sogar nach Toronto versetzen lassen."
"Der Gedanke gefällt mir." Er lächelte sie an. "Trotzdem bin ich skeptisch. Ich würde mir gern selbst ein Bild davon machen."
"Dann mach das. Wir können am Wochenende mit Dianne rausfahren. Sie will dann sowieso wieder zurück. Ich schätze, sie hat von den Jeffries gesprochen, als sie sagte, sie begleitet eine neue Schülerin und ihren Vater."
"Könnte passen." Vicky nickte. "Wo ist sie eigentlich jetzt?"
"Sie wollte zu Henry." Celia drehte sich zu Mike. "Was mich daran erinnert … wie ist es überhaupt bei dir heute gelaufen?"
"Oh, wir haben Hardy festgenommen. Er war auf dem Überwachungsvideo. Er hat geschimpft wie ein Rohrspatz, als er erfahren hat, wie wir ihn überführen konnten. Und dann hat er gar nicht mehr so nett über seine verstorbene Frau geredet." Er schüttelte den Kopf. "Und alles nur wegen einer Fernsehserie, die wahrscheinlich sowieso ein Flopp wird. Wer will schon einen Vampircop sehen?"
"Hey, Nick Knight war cool.", widersprach seine Schwester.
"Du hast das gesehen!?"
"Klar!" Sie wandte sich an Vicky. "Wäre vielleicht auch was für Henry. Ich meine, als Vampircop arbeiten."
"Gott bewahre!", ertönte nur noch verzweifelt von Mike.
"Ach, wenn jemand mit Ochlophobie aufgenommen wird, dann wird ein Sonnenallergiker doch ein Klacks sein. Mit deiner Hilfe.", neckte sie ihn.

"Vergiss es! Meine Hilfe kriegt er bei so einem Projekt definitiv nicht.", knurrte der Mann.
"Ist das immer so eine Liebe zwischen den Beiden?" Sie wandte sich grinsend wieder an Vicky.
"Oh ja, wie kleine Kinder, die sich um ein Spielzeug streiten. Du müsstest sie teilweise erleben. Unmöglich."
"Tja, Eifersucht ist so eine Sache."
"Ich bin nicht eifersüchtig!" Mike protestierte.
"Klar!"
"Ich war nicht die Person, auf die dieser Eifersuchtsdämon damals losgegangen ist. Sie hat mich komplett ignoriert. Henry hingegen hat sie fast umgebracht. Na ja, zumindest hat sie es versucht."
Die beiden Frauen lachten.

***

Freitag
Die Augenkontrolle verlief gut, die Ergebnisse waren ausgezeichnet. Wie Celia schon gewusst hatte, würde sie nie wieder 100 Prozent auf dem linken Auge sehen können, aber die Ablösung war vorerst gestoppt. Die Frau wurde jedoch von Dr. Anjani angehalten, mindestens einmal jährlich zur Kontrolle in seine oder in eine andere Augenklinik zu fahren, um gleich eingreifen zu können, falls es doch zu einer Verschlechterung kommen sollte.
Mike hatte Urlaub nehmen können, nachdem der Hardy Fall erfolgreich abgeschlossen worden war und er seinen Abschlussbericht eingereicht hatte. Seine Anwesenheit würde in diesem Zusammenhang gegebenenfalls erst bei einer Gerichtsverhandlung wieder vonnöten sein. Zudem hielt die Hitze Toronto weiterhin fest im Griff und die Verbrechensrate war noch weiter zurückgegangen. Dafür nahmen die Hitzetoten zu. Aber das war nichts für seine Abteilung. Gemeinsam verließen die Geschwister die Augenklinik, um zu Mikes Wohnung zu fahren, wo sie sich zwei Stunden später mit Dianne und den Jeffries treffen wollten.
"Warum kommt Vicky nicht mit?"
"Sie hat einen neuen Fall."
"Wieder ein Dämon?", grinste Cel.
"Ich hoffe nicht." Mike seufzte verzweifelt. Er konnte darüber schon lange nicht mehr lachen.
"Hey, nimm dir das nicht so zu Herzen."
"Das sagst du so leicht. Dieser ganze Mist bringt meine Polizeiarbeit, mein ganzes Leben durcheinander." Er spürte wieder diesen Knoten in der Magengrube.
Sie runzelte die Stirn. "Da ist doch noch mehr?", hakte sie nach und sah ihn konzentriert von der Seite an. "Okay, da ist definitiv mehr. Hör auf, mich zu blocken!"
"Wenn du aufhörst, meine Gedanken zu lesen."
"Darüber können wir in ein paar Monaten reden, wenn ich das gelernt habe. Außerdem hab ich gerade keinen Ohrwurm."
Mike lachte, doch es klang gezwungen. Celia zog ihn zu einer Bank im Park vor der Klinik und setzte sich.
"Was ist wirklich los?"
"Es ist meistens nicht so unkompliziert wie dieses Mal. Bei weitem nicht. Hier hat ein normaler Sterblicher einen heimtückischen Mord begangen. Polizeiarbeit. Fall gelöst. Wunderbar. Okay, mit ein bisschen Hilfe von zwei Telepathen." Er lächelte sie an. "Aber diese ganze Geschichte mit Vampiren, Dämonen und dem ganzen Kram. Das ist Vickys Welt. Nicht meine. Ich kann nicht zu Crowley gehen und sagen: Hey, mein Hauptverdächtiger ist ein Dämon. So ein Typ mit Klauen und Fängen. Oder ein Zombie. Sie zweifelt so schon langsam an meinem Verstand. Und ich manchmal auch. Meine Zusammenarbeit mit Vicky ist ihr ein Dorn im Auge." Er schüttelte den Kopf. "Und Vicky kommt immer wieder zu mir, weil sie Informationen braucht, an die sie als Ex-Cop nicht mehr rankommt. Aber ich. Und prompt bin ich wieder mitten drin in einer ihrer Geschichten. Ich vernachlässige meine eigenen Fälle, meine Kollegen können sich nicht mehr auf mich verlassen, ständig muss ich Informationen vor ihnen zurückhalten." Mit geschlossenen Augen seufzte er und sah dann seine Schwester an. "Cel. Ich kann langsam nicht mehr. Ich fühle mich ausgelaugt. Und wenn das so weiter geht, verliere ich neben meinem Verstand vielleicht auch noch meinen Job. Crowley hat mich voll im Visier. Ein größerer Schnitzer und ich bin raus."
"Das ist nicht gut."
"Nein. Wahrlich nicht."
"Ich wünschte, ich könnte dir einen Rat geben. Aber ich weiß selbst nicht, was ich von dieser ganzen Geschichte halten soll. Ich bin verdammt froh, dass mir dieser Henry nicht noch einmal begegnet ist. Auch wenn Vicky und Dianne ihm vertrauen mögen, er ist mir unheimlich. Allein der Gedanke daran, wie er darüber nachgedacht hat, mein Blut zu trinken." Sie bekam eine deutlich sichtbare Gänsehaut.
"Wenn er dich auch nur schief ansieht, dann …" Er sprach es nicht aus. Das musste er auch nicht. Seine Tonlage sprach Bände. Sie lächelte und strich ihm über die Wange. Dann schüttelte sie den Kopf.
"Mike, ich habe keine Ahnung, wie das hier alles weitergeht. Ich muss sehen, dass ich mein Leben wieder in den Griff bekomme. Wenn alles so läuft, wie Dianne sagt, dann werde ich in ein paar Monaten nochmal von vorn anfangen können. Aber bei dir …" Sorgenfalten legten sich um ihre Augen. "Ich weiß, du liebst Vicky. Ich mag sie ja auch. Aber lass nicht zu, dass sie dich kaputt spielt. Das ist es nicht wert."
"Das sagst du so leicht."
"Wenn sie sich nicht zwischen dir und Henry entscheiden kann, dann ist es vielleicht besser, sie gehen zu lassen. Vielleicht solltest du dich versetzen lassen."
Cellucis Wangenmuskeln spielten. "Darüber habe ich auch schon nachgedacht."
"Crowley hat dich im Visier. Du solltest die Entscheidung treffen, bevor es zu spät ist."
"Ich werde darüber nachdenken. Okay?" Er wollte nicht mehr darüber sprechen. Einerseits tat es zwar gut mit jemandem zu reden, der nicht direkt involviert war, andererseits beinhaltete es aber doch eine Entscheidung, über die er nicht nachdenken wollte. Er wollte Vicky nicht verlieren und doch brachte sie ihn immer mehr in Schwierigkeiten. Das schlimmste war, dass sie es nicht einmal zu merken schien.
"Du solltest mit ihr darüber reden." Celia war aufgestanden und zog ihn hoch. "Aber erst nach diesem Wochenende. Jetzt gehörst du erst einmal mir. Basta!"
"Ich gehöre dir?"
"Jap! Voll und ganz."
"Darf ich bitte zuerst die Besitzurkunde sehen?"
"Tja, Detective. Da gibt es ein Problem. Die ist gut verwahrt in einem Züricher Banktresor. Aber können diese Augen lügen?" Sie machte einen Augenaufschlag, der Mike zum Grinsen brachte.
"Hmmm, dann muss ich Ihnen wohl Glauben schenken."
"Sehen Sie, Detective. Ist doch gar nicht so schwer." Sie hakte sich lächelnd bei ihm ein und gemeinsam gingen sie zum Wagen.

***

Steven packte die letzte Tasche in den Kofferraum von Diannes Wagen und verschloss dann das Haus. Sarah saß bereits auf der Rückbank des Autos. Wenn sie sich eingelebt hatten und entschieden, zu bleiben, würde er die restlichen Sachen aus dem Haus holen und das Haus verkaufen. Dianne hatte ihm zugesagt, dass sie ein Haus für ihn auf dem Gelände bauen lassen konnten. Dann würden sie wieder ein eigenes Zuhause haben mit allem Drum und Dran.
Er stieg in den Wagen zu seiner Tochter und Dianne fuhr mit ihnen zu den Cellucis, wo sie den ihm bekannten Polizisten und dessen Schwester treffen sollten. Wie die Frau ihm erzählt hatte, war Celia eine unausgebildete Telepathin, die sich eventuell ebenfalls in der Artemis School ausbilden lassen wollte. Vielleicht konnten die beiden Mädchen Freundinnen werden. Dann wäre für beide der Einstieg in die neue Umgebung leichter.
Als sie das Haus erreichten, in dem sich deren Wohnung befand, kamen die beiden bereits heraus. Steve hob überrascht die Augenbrauen. Bei Celia handelte es sich gar nicht, wie er erwartet hatte, um ein junges Mädchen sondern um eine erwachsene Frau, schätzungsweise Anfang Dreißig.
"Ist das Celia?", fragte er ungläubig.
Dianne nickte. "Oh, ich hatte nicht erwähnt, dass sie eine Frau ist.", stellte sie fest, als sie seine Gedanken mitbekam. "Ich hoffe, das ist kein Problem für Sie."
"Nein. Ich bin nur überrascht. Ich hatte eher ein Mädchen erwartet."
Sie stiegen alle Drei kurz aus und begrüßten die Beiden.
"Hi.", sagte die Frau und hockte sich vor Sarah. Ihre Augen waren hinter einer Sonnenbrille verborgen. Steven erinnerte sich, dass Dianne erwähnt hatte, dass sie gerade eine Augenoperation hinter sich hatte. "Ich bin Celia. Und wer bist du?"
"Sarah." Das Mädchen legte den Kopf schräg. "Wirst du mit mir in die Schule gehen?", fragte sie stirnrunzelnd.
"Vielleicht. Ich werde mir die Schule erst einmal ansehen."
"Aber bist du nicht zu alt, um noch in die Schule zu gehen?"
Die Frau lachte. "Die regulären Schulfächer muss ich auch nicht mehr mitmachen. Aber ich muss lernen, damit umzugehen." Sie zeigte auf ihren Kopf.
"Du kannst Gedanken lesen, stimmt's?"
"Ja. Aber ich weiß noch nicht, wie man das richtig macht."
"Wie ist das?"
"Hmmm? Stell dir vor, wir alle Vier würden dir aus verschiedenen Büchern vorlesen. Und zwar gleichzeitig. Alle in der gleichen Lautstärke."
"Aber dann verstehe ich doch gar nichts, wenn alle durcheinander reden."
"Siehst du, und so geht es mir immer."
"Das ist doof."
"Du sagst es. Dianne will mir beibringen, damit umzugehen. Dass ich nur noch einen Vorleser höre."
"Cool."
Sie lachte erneut, was Steven als sehr sympathisch empfand. "Ja, finde ich auch."
"Wir können dann fahren?", sagte Detective Celluci, der sich in der Zwischenzeit mit Dianne über die Fahrtroute unterhalten hatte.

***

Gegen Abend erreichten die beiden Wagen das große Grundstück, auf dem sich die Schule befand. Mike und Celia folgten Dianne, die mit den Jeffries vorangefahren war.
Skeptisch blickte der Mann sich um, als sie durch den Wald fuhren, der den inneren Bereich des Grundstückes vor neugierigen Blicken bewahrte.
"Sei nicht so misstrauisch.", ermahnte Celia.
"Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig."
"Alter Skeptiker." Sie seufzte.
"Du kennst mich."
"Ja, eben."
Endlich erreichten sie das Hauptgebäude. Während Celia in eine Garage fuhr, parkte Mike den Wagen in einer Parkbucht, die offensichtlich Gästen vorbehalten war. Nachdem er ausgestiegen war, musterte er das Gebäude.
"Ganz schön protzig."
"Sieht genauso aus, wie Grammys Elternhaus."
"Findest du?"
"Ja."
Mike zuckte die Schultern. Inzwischen waren auch die Jeffries ausgestiegen. Sarah klammerte sich verschüchtert an die Hand ihres Vaters.
"Hier entlang.", wies Dianne an. Die Vier folgten ihr die Treppe hinauf, die rechts und links jeweils eine Statue zierte.
"Apoll und Artemis.", flüsterte Celia.
Celluci nickte und musterte skeptisch die weibliche Statue. Kam es ihm nur so vor oder hatte sie massive Ähnlichkeit mit ihrer Gastgeberin? Die Erinnerung an die Begegnung mit der neuzeitlichen Medusa kam in ihm hoch. Deren Statuen im Club hatten auch Ähnlichkeit mit lebenden Menschen gehabt. Schlicht und einfach, weil es lebende Menschen gewesen waren, die sie zu Stein verwandelt hatte. Ein Schauer überlief ihn, als er daran dachte, wie nah er dran gewesen war, ihr zu verfallen und möglicherweise ein ähnliches Schicksal zu erleiden.
"Ich zeige euch erst einmal eure Zimmer. Dann könnt ihr euch häuslich einrichten, bevor wir zu Abend essen."
Dianne musterte Mike einen Moment lang. Sofort baute er wieder die Blockade auf, die er schon als Kind erlernt hatte, um auch vor seiner Schwester Geheimnisse bewahren zu können. Er wusste nicht, wie viel die Telepathin mitbekommen hatte, aber ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, mehr als ihm lieb war.
Die Zimmer der Geschwister lagen nebeneinander und waren durch eine Zwischentür miteinander verbunden. Es waren lediglich Gästezimmer. Sollte Celia sich tatsächlich entscheiden, hier zu bleiben, würde sie eines der Hauptzimmer im Westflügel erhalten, in dem auch die Jeffries untergebracht waren.
"Und? Was denkst du?"
"Mein erster Eindruck? Keine Ahnung."
"Du traust ihr nicht?"
"Dianne? Sie ist mir unheimlich."
"Warum?"
"Weil ich nicht weiß, woran ich an ihr bin, was ich von ihr halten soll, wer sie ist. Und weil sie so gezielt meine Gedanken lesen kann." Celia verzog das Gesicht. "Hey." Er hob abwehrend die Hände. "Bei dir ist das was anderes. Du bist meine kleine Schwester."
"Aber irgendwann werde ich auch gezielt deine Gedanken lesen können."
"Na und? Aktuell liest du sie ungezielt." Er grinste schief. "Ist nicht viel anders."
"Aber vielleicht lerne ich, deine Blockade zu brechen."
Er runzelte die Stirn. Der Gedanke gefiel ihm wirklich nicht. Nicht, dass er ihr nicht trauen würde. Im Gegenteil, er liebte sie. Trotzdem wollte er gern ein gewisses Maß an Privatsphäre behalten, auch vor ihr.
"Wie alt ist Dylan jetzt eigentlich?", fragte Celia plötzlich leise, während sie die Tasche auspackte.
"Er wird bald 9."
Die Frau seufzte. "Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war er noch ein Baby."
"Und jetzt ist er ein Prachtbursche." Mike grinste. "Er ist ganz vernarrt in Vicky."
"Wie schön für sie."
Celluci musterte seine Schwester, die ihm den Rücken zukehrte. "Molly würde sich sicher freuen, wenn du sie mal besuchst."
"Vielleicht irgendwann mal." Celia wandte sich um. Ihre Augen blickten traurig, auch wenn sie es zu verbergen suchte. Er kannte sie zu gut, als dass ihm das entgangen wäre. "Willst du nicht auspacken?"
"Ach, ich lebe aus dem Koffer."
"Ja, klar. Und deine Shirts bügeln sich dann an deinem Körper." Sie stemmte die Fäuste in die Hüften.
"Okay, okay. Ich geh ja schon. Sag doch, dass du mich loswerden willst." Er tat beleidigt. Anstatt wie gewohnt auf dieses Geplänkel einzugehen, seufzte sie nur. Ihre Reaktion verpasste Mike einen Stich.
"Was ist los, Cel?"
"Nichts."
"Erzähl mir nicht, dass nichts los ist. Du warst schon auf der Fahrt so komisch. Und jetzt … ich sehe doch, dass was nicht stimmt."
Sie hob den Kopf und sah ihm in die Augen. Sichtlich kämpfte sie mit sich. "Es ist nur … ach, vergiss es." Sie wandte sich um.
"Nein." Er griff nach ihrem Arm. "Ich lass nicht zu, dass du mich aus deinen Sorgen aussperrst." In Gedanken fügte er hinzu: 'Es reicht, dass Vicky das permanent tut.'
Sie seufzte, löste sich aus seinem Griff und setzte sich aufs Bett. Die Beine zog sie an ihren Körper und umschlang sie. "Du hast die Kleine gesehen, Sarah?"
"Klar."
"Sie ist eine echt Süße."
Plötzlich wurde Mike klar, was los war. Er erinnerte sich daran, wie liebevoll sie auf die Kleine reagiert hatte, als Dianne sie miteinander bekannt gemacht hatte. "Hey, du wirst auch irgendwann Kinder haben."
"Hm. Vielleicht."
"Was spricht dagegen? Du bist 36, also immer noch im besten Alter."
"Ja. Nur welcher Mann würde sich mit einer Telepathin einlassen?"
Celluci verzog das Gesicht. Das war ein verdammt gutes Argument. "Na ja, vielleicht triffst du ja hier jemand Nettes. Ich meine, wenn ich das richtig verstanden habe, dann gibt es hier nur so Leute wie dich."
"Leute wie mich?" Mit gerunzelter Stirn blickte sie ihn an.
Er schluckte. "Du weißt, wie ich das meine. Komm schon. Ich bin es! Mike. Dein Mikey." Er grinste schief.
Sie nickte. Ihr Lächeln wirkte jedoch gequält. "Du solltest jetzt auspacken. Sonst darf ich mich morgen noch mit dem Bügeleisen hinstellen. "
Mike sah sie einen Moment nachdenklich an. "Bist du okay?" Sie nickte erneut. Er trat zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. "Bis gleich."

***

Henry versuchte, sich auf seine Grafik zu konzentrieren. Er hatte den nächsten grafischen Roman begonnen, doch es wollte nicht so richtig gelingen. Er warf den Federhalter hin und zerknüllte das Blatt. Im Bruchteil einer Sekunde war er bei der Couch und ließ sich darauf fallen. Er starrte aus dem großen Fenster auf die Lichter der Stadt. Überall hinter diesen Lichtern befand sich ein Leben. Ein Leben, das vielleicht eines Tages seine Nahrung sein würde. Doch Henry wollte mehr. Er hatte das Alleinsein satt. Die letzte Frau, mit der er länger zusammen gewesen war, war Betty. Doch selbst mit ihr hatte er nur kurz Bett und Blut geteilt. Sie hatte ihn fortgeschickt, da sie ihn zu rastlos fand. Zumindest hatte sie das als Argument gebracht. Er lachte kurz und humorlos. Er wusste, dass sie noch immer eine tiefe Zuneigung verband, die verhindert hatte, dass sie jemals heiratete. Aus ihrer Leidenschaft für ihn hatte sie einen Beruf gemacht. Professorin für Demonologie, oder offiziell: Anthropologin mit Spezialisierung auf mystische Phänomene und Aberglaube in alten Kulturen.
Und jetzt war Dianne wieder in seinem Leben aufgetaucht. Eine Frau, mit der er problemlos mehrere hundert Jahre leben konnte. Eine Frau, mit der ihn eine Leidenschaft verband, die aus jahrhundertelanger Erfahrung bestand, die sie beide gesammelt hatten. Eine Frau, die länger gelebt hatte als er, die mehr gesehen hatte als er. Eine Frau, die besser verstand als jeder Sterbliche, was es bedeutete, so lange zu leben und sein wahres Ich zu verbergen. Warum war sie dann nicht hier? Hier bei ihm? Weil sie ein Leben bei Tag hatte. Weil sie Verantwortung übernommen hatte für Sterbliche. So wie er für Vicky.
Vicky. Der Name hallte in seinem Kopf wider. Er runzelte die Stirn. Nie war ihm jemand begegnet wie sie. Ein Sturkopf par excellence. Sie widerstand ihm, sie reizte ihn, sie trieb ihn in den Wahnsinn. Er liebte sie, wie er lange keine Frau mehr geliebt hatte. Er wusste nicht, ober er überhaupt jemals zuvor so geliebt hatte. Er war bereit, ihr die Welt zu Füßen zu legen, sie zu lieben und zu ehren. Für sie ging er Risiken ein, wie nie in seinem langen Leben zuvor. Durch sie wussten mehr Leute von seinem wahren Wesen, als jemals zuvor zur gleichen Zeit. Denn jede Person, die wusste, was er war, barg ein Risiko für ihn. Doch was machte sie? Sie stieß ihn fort. Und alles nur wegen diesem Mike Celluci. Ein Sterblicher. Ein Cop. Ein genauso bornierter Sturkopf wie sie es selbst war. Nur war er nicht annähernd so willensstark wie sie. Ihn zu manipulieren war leicht. Ein selbstgefälliges Grinsen huschte über Henrys Gesicht. Was konnte er ihr schon bieten? Sie hatte die Wahl zwischen einem Cop und dem Duke of Richmond. Wieso fiel ihr die Entscheidung so verdammt schwer? Es lag doch auf der Hand, wer die mit Abstand bessere Partie war. Er knurrte. Einen Wimpernschlag später stand der Vampir am Fenster und lehnte seine Stirn gegen das Glas. Es war warm, was darauf deutete, dass es draußen nicht wirklich kühler geworden war. Henry hatte zwar keine Ahnung davon, welche Hitze tagsüber herrschte und seine Scheiben wurden in dieser Zeit durch die dichten Jalousien komplett von der Sonneneinstrahlung abgeschottet, aber der Nachhall der Hitze war deutlich zu spüren. Er wusste, die Nacht würde ihm noch einige Stunden Sicherheit bieten, aber was tun? Vicky anrufen?
Im nächsten Moment hatte er den Telefonhörer in der Hand und wählte die Nummer.
"Hallo. Hier ist Vicky. Ich bin im Moment nicht zu erreichen. Hinterlasst mir eine Nachricht." Der Piepton ertönte, doch Henry legte auf. Vielleicht schlief sie. Immerhin hatte sie den Tag.
Der Blick des Vampirs fiel auf das Schlafzimmer, dessen Tür er offen stehen gelassen hatte. Etwas blitzte unter dem Bett hervor. In atemberaubender Geschwindigkeit bewegte er sich dorthin und zog ein schwarzes Negligé hervor. Er hielt es sich vor die Nase und sog den Duft der Frau auf, die in der vorangegangenen Nacht noch einmal das Bett und ihr Blut mit ihm geteilt hatte: Dianne. Hunger stieg in ihm auf und seine Lenden begannen zu pulsieren. Sie konnte er haben. Jederzeit. Ein lüsternes Lächeln umspielte seine Lippen.
Die Autoschlüssel hatte er schnell gefunden und dann machte er sich auf den Weg.

***

Ein Pferd begrüßte ihn schnaufend, als Mike den Stall des Anwesens betrat. Er strich dem Tier über die Nüstern, die sich wie Samt anfühlten. "Na, Kumpel. Du hast nicht durch Zufall meine Schwester gesehen?"
Das Pferd nickte mit dem Kopf, als hätte es ihn verstanden.
"Okay. Verrätst du mir auch, wo sie ist?"
Diesmal schüttelte es seine Mähne.
"Oh, wie charmant. Kann ich dich mit einem Apfel oder eine Karotte bestechen?"
Erneut nickte das Pferd.
"Okay, langsam wirst du mir unheimlich. Haben die Tiere hier etwa auch spezielle Begabungen?"
Und wieder nickte es.
Ein leises Lachen ließ Mike aufschauen. Celia stand wenige Meter neben ihm an eine Stalltür gelehnt. "Er bettelt nur."
"Aber das Kopfschütteln."
"War vermutlich eine Fliege." Sie grinste, trat zu ihm und tauchte unter seinem Arm durch, den er daraufhin um sie legte. Sie kraulte den Hengst. "Sein Name ist Samir."
"Hat er dir das verraten?"
Sie lachte. "Nein.", erwiderte sie und zeigte auf das Schild mit seinem Namen und denen seiner Eltern.
"Oh."
"Laut Dianne ist aber auch eine Kommunikation mit Tieren möglich per Telepathie. Vielleicht kann er mir irgendwann seinen eigenen Namen nennen." Sie lächelte verträumt. Der Hengst knabberte an ihren Fingern. "Du solltest ihm jetzt aber auch das versprochene Leckerli geben, sonst frisst er mich noch auf."
"Wenn du mir verrätst, woher ich das bekomme."
Cel zeigte auf eine verschlossene Kiste. Mike ging hinüber, öffnete sie und holte einen Apfel heraus. Mit Begeisterung knabberte der Hengst nun den Apfel aus seiner Hand und sabberte ihn dabei mächtig voll. "Ja, super.", maulte Celluci. Seine Schwester reichte ihm schmunzelnd das Handtuch, das direkt neben der Kiste hing. Nachdem Mike sich notdürftig gereinigt hatte, klebte seine Hand immer noch.
"Lass uns zum Steg runter gehen. Da kannst du dir im See die Hände waschen."
"Gibt es hier kein fließendes Wasser?"
"Bestimmt. Aber ich habe keine Ahnung wo."
"Okay, ich denke, das kann ich gelten lassen."
Gemeinsam gingen sie den Weg hinunter zum See, auf den ein kleiner Bootssteg hinausführte. Mehrere kleine Ruderboote und ein Motorboot waren daran vertäut. Am Ende verbreiterte sich der Steg in eine Plattform, auf der sich zwei nebeneinander stehende Bänke befanden sowie eine dritte Bank, die im 90 Grad Winkel dazu am Steg befestigt war. Er konnte sich vorstellen, dass dieser Platz außerhalb der Schulferien sehr beliebt war. Aber jetzt im Sommer war fast niemand auf dem Gelände. Mike wusste, dass es neben dem Haupthaus noch einige kleinere Häuser auf dem Grundstück gab, in denen Familien untergebracht waren.
Am Stegrand kniete er nieder und wusch seine Hände im Wasser. Dann setzte er sich neben seine Schwester, die auf einer der Bänke Platz genommen hatte. Er legte den Arm um sie, doch sie zuckte zusammen.
"Du bist nass.", protestierte sie.
"Tja, da musst du jetzt durch.", grinste er und umfasste sie fester. Sie knuffte ihn und schmiegte sich dann an ihn.
Schweigend saßen sie zusammen und blickten aufs Wasser hinaus, in dem sich der Halbmond spiegelte. Es war zunehmender Mond. Mike hing seinen Gedanken nach. Er dachte an Vicky, an seine Arbeit, an die Zukunft. Er hatte keine Ahnung, wie es weitergehen würde. Doch es tat ihm gut zu wissen, dass er eine Familie hatte, auf die er zählen konnte, wenn es hart auf hart kam. Schritte auf Holzplanken ließen die Beiden aufhorchen. "Oh, hallo. Ich wusste nicht, dass jemand hier ist."
"Hallo Steven.", begrüßte Celia ihn.
"Hallo. Störe ich?"
"Nein. Wir hängen nur unseren Gedanken nach und genießen den lauen Abend. Setzen Sie sich doch."
"Ja, anscheinend ist es selbst für Moskitos zu heiß." Wie, um ihn Lügen zu strafen, war das leise Summen einer Mücke zu vernehmen.
"Bitte nicht beschreien, sonst bin ich morgen früh komplett zerstochen.", maulte die Frau. Steven lachte leise. "Das kommt mir irgendwie bekannt vor."
"Schläft die Kleine?"
"Ja." Er nickte, obwohl man das in der Dunkelheit kaum erkennen konnte. "Sie hat gefragt, ob sie morgen mit Ihnen zu den Pferden gehen darf. Ich hab ihr versprochen, Sie zu fragen."
"Aber gern." Celia lächelte. Am Aufblitzen von Zähnen erkannte Mike, dass Jeffries das Lächeln erwiderte.
"Sie ist ganz vernarrt in Sie."
"Das beruht auf Gegenseitigkeit. Sie ist wirklich eine Süße."
"Ich hoffe, ihr kann hier geholfen werden."
"Sie sind skeptisch?"
Ein leicht zynisches Schnaufen erklang. "Haben Sie ihr die Geschichte erzählt?", fragte er Mike. "Nein.", erwiderte der.
"Sie war vorher an einer anderen Schule für besonders begabte Kinder. Der Direktor hatte nichts Besseres im Sinn, als ihre Fähigkeiten zu missbrauchen."
"Das ist nicht gut."
"Nein. Wahrlich nicht."
"Bei Dianne habe ich ein gutes Gefühl. Und außerdem kann ich ja ein Auge auf Sarah haben. Immerhin werden wir so etwas wie Mitschülerinnen sein." Cel lachte leise.
"Das ist gut."
Kam es Mike nur so vor oder hatten die Beiden seine Anwesenheit nahezu komplett vergessen?
Und irgendwie … er kam nicht drumherum, sie flirteten miteinander. Hatte nicht Cel noch vor wenigen Stunden bemängelt, kein Mann würde sich für eine Telepathin interessieren? Nun, Steven Jeffries wusste es und trotzdem zeigte er keinerlei Scheu vor ihr. Im Gegenteil. Vielleicht war es das Mädchen, Sarah, das die Beiden miteinander verband. Sie unterhielten sich ungeniert weiter und er war komplett in den Hintergrund gerückt. Es gab ihm einen leisen Stich. Eifersucht? Ja, definitiv. Andererseits freute es ihn. Und dieser Jeffries schien ein anständiger Kerl zu sein.
"Ich denke, ich werde mich ins Bett hauen. Ich hab seit Tagen nicht mehr sechs Stunden am Stück geschlafen. Vielleicht schaffe ich das heute mal.", meinte er leise und stand auf.
Überrascht sah Cel auf. Laut dachte er: 'Bleib du ruhig noch.'. Er lächelte, was sie erwiderte. "Wir sehen uns morgen früh." Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn. "Gute Nacht." Er nickte zu Steven.
"Mr. Jeffries."
"Detective."
"Gute Nacht, Mike. Schlaf gut. Und lass die Bettwanzen nicht beißen."
Er lachte leise und machte sich dann auf den Weg zum Haus.

***

Henrys Wagen spritzte etwas Kies auf, als er bremste. Er registrierte zwar, dass bereits ein anderes Auto in einer der Parkbuchten stand, achtete aber nicht weiter drauf. Er war froh, dass er endlich da war und ihn niemand unterwegs aufgehalten hatte. Er sprang aus dem Wagen und war einen Wimpernschlag später bei der Tür, die jedoch verschlossen war. Er knurrte leise. Dann überlegt er, welches das Fenster von Diannes Zimmer war. Er erinnerte sich, dass es zur Rückseite des Gebäudes hinaus geführt hatte. Schnell war er um das Haus herum und suchte die Fenster ab. Nirgendwo brannte Licht. Aber das störte ihn nicht. Seine Augen sahen im Dunkeln sowieso viel besser.
"Auf der Jagd?"
Henry wirbelte herum. Celluci stand wenige Meter hinter ihm und blickte ihn wenig begeistert an. "Und wenn schon.", knurrte Henry. "Was machen Sie hier, Detective?" Er verwendete seine Vampirtechnik, entsprechend tief klang seine Stimme.
"Ich bin hier mit meiner Schwester.", erwiderte Mike. Er fühlte sich merkwürdig. Warum beantwortete er so bereitwillig die Frage des Vampirs? Es ging ihn doch gar nichts an.
"Wo ist Dianne?"
"Das weiß ich nicht. Aber ich schätze, sie schläft. Sie war müde."
Blitzschnell stand Henry so nah vor ihm, dass er zurückzuckte. "Sie vergessen, dass Sie mich hier gesehen und gesprochen haben und werden sehr tief und fest schlafen." Im nächsten Moment verschwand der Vampir im Dunkeln.
Mike schüttelte den Kopf. "Was zur Hölle?" Er hatte das Gefühl, als bekäme er Migräne. Und dazu kam noch ein merkwürdig flaues Gefühl im Magen. "Ich glaube, ich werde wirklich alt." Er schüttelte erneut den Kopf, gähnte und ging zur hinteren Haustür.
Aus dem Schatten einer Trauerweide mit tief hängenden Zweigen beobachtete Henry den Polizisten. Er grinste. "So leicht zu manipulieren."
"Ich hoffe, du wirst es niemals wagen, das mit mir zu machen."
Er wirbelte herum. Dianne stand direkt hinter ihm, die Augen zu Schlitzen verengt. Sie sah erzürnt aus. Ihre Tonlage war auch mehr ein Drohen gewesen, denn eine Hoffnung. Er hatte sie kein bisschen kommen hören, trotz seines hervorragenden Gehörs. Aber sie war in Wald und Wiesen aufgewachsen. Wenn sie draußen unterwegs war, verschmolz sie mit der Natur. Kein Wunder, dass die Menschen sie und ihre Mutter unter anderem als Göttinnen des Waldes verehrt hatten.
"Ich würde es nie wagen." Er legte beschwörend die Hand auf seine Brust und setzte sein charmantestes Lächeln auf. "Bei dir habe ich es auch nicht nötig."
Sie zog eine Augenbraue hoch. "Nicht nötig?" Noch immer war ein scharfer Unterton zu vernehmen.
"Verzeiht meine unglückliche Wortwahl." Er verneigte sich. "Die Hitze der Nacht und des Augenblickes lässt mein Fleisch schwach werden und meine Sinne schwinden. Der Anblick von Euch raubt mir Atem und Verstand."
Sie verdrehte die Augen und seufzte. "Alter Charmeur."
"Stets zu Euren Diensten, My Lady."
"Ach ja? Welche Dienste schweben Euch denn so vor, Duke of Richmond?"
Erschrocken sog sie die Luft ein, als er keinen Sekundenbruchteil später so nah vor ihr stand, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten.
"Ich denke da an spezielle Liebesdienste.", hauchte er mit einer Stimme, die selbst den Keuschheitsgürtel der eisernen Jungfrau zum schmelzen gebracht hätte. Im nächsten Moment strich seine Hand über ihre Wange und ihren Hals, seine Lippen senkten sich an ihre Kehle, seine Zunge glitt über ihren Kehlkopf bis zu ihrem Dekolleté. Seine Hände schoben sich unter ihre Bluse, deren Knöpfe dem Druck nicht standhalten konnten und sich lösten. Er spürte, wie ihr Körper erzitterte und sie aufstöhnte, als er mehr als nur Zunge und Lippen zum Einsatz brachte. Gemeinsam sanken sie ins Gras.

***