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2. Teil von

Blood Ties – Gifted 2


Autor: foxy [at] harperfront.com

******************************************************************************* Montag

Mikes Telefon klingelte. Er zog es aus der Tasche, warf einen Blick auf die Nummer und runzelte die Stirn. Sie war ihm nicht vertraut.
"Celluci.", meldete er sich kurz angebunden.
"Detective Michael Celluci? Hier spricht Dr. Anjani von der Augenklinik. Hören Sie. Wir haben hier einige Schwierigkeiten mit Ihrer Schwester. Kommen Sie bitte schnellstmöglich her, sonst kann ich nicht für ihre Gesundheit garantieren."
"Was? Wie meinen Sie das?"
"Ich erkläre es Ihnen, sobald sie hier sind. Im Moment haben wir sie unter Kontrolle. Allerdings mussten wir ihr ein entsprechend starkes Beruhigungsmittel geben."
"Ich bin in 20 Minuten da."
Mike legte auf. Sein Puls raste. Was zur Hölle ging da vor sich? Wieso hatte man ihr ein Beruhigungsmittel gegeben?
"Kate?"
"Ja."
"Kannst du bitte hier übernehmen. Ich muss ins Krankenhaus."
"Deine Schwester?"
"Ja, es gibt Komplikationen." Er hatte nur keine Ahnung, welcher Art diese waren.

***

"Sie hat schon kurz nachdem sie aufgewacht ist ganz merkwürdig reagiert. Sie redete mit Leuten, die gar nicht im Raum waren. Es war, als antworte sie auf Fragen, die niemand gestellt hatte. Plötzlich wurde sie ganz ruhig. Wir dachten schon, dass sie wieder eingeschlafen sei, aber der Monitor zeigte an, dass ihr Puls immer schneller wurde. Und dann rastete sie vollkommen aus. Sie hat versucht, die Augenbinden zu entfernen. Wir konnten gerade so noch verhindern, dass sie sich dabei verletzt."
"Moment mal, sagten Sie, Augenbinden? Haben Sie ihr BEIDE Augen verbunden?"
"Ja, das machen wir grundsätzlich so, um die Augen zu schonen. Warum fragen Sie?"
"Haben sie ihr das vorher gesagt?"
"Ich weiß es nicht. Ich denke schon. Jedenfalls haben wir ihr ein Beruhigungsmittel gegeben und sie festgebunden, damit sie die Verbände dran lässt. Eine verfrühte Entfernung kann zu nicht absehbaren Schäden führen. Vielleicht können Sie sie zur Vernunft bringen. Ich verstehe das alles nicht. So etwas hat es hier noch nie gegeben. "
"Vielleicht eine Nebenwirkung des Narkotikums.", mutmaßte der Detective laut, obwohl er genau wusste, dass hier keine Nebenwirkung im Spiel war.
"Das kann gar nicht sein! Zumindest ist bisher nichts derartiges bekannt. Und wir verwenden dieses Narkotikum schon länger. Jedenfalls wirft das hysterische Verhalten Ihrer Schwestern kein gutes Licht auf die Klinik."
"Ich werde mit ihr reden." Mike war genervt. Dem Kerl ging es nicht um das Wohl von Cel, sondern nur um seine Reputation. "Wie lange müssen die Augenbinden dran bleiben?"
"24 Stunden."
"Okay." Er betrat das Zimmer, schloss die Tür hinter sich und damit vor der Nase von Dr. Anjani.
Seine Schwester lag auf dem Bett. Man hatte ihre Handgelenke mit Gurten am Bettrand festgebunden.
"Cel?"
Ihr Kopf ruckte herum. "Mike? Mike! Hilf mir, bitte." Ihre Stimme war mehr ein Flüstern. Er hörte die Panik.
"Schsch. Ich bin ja da." Er ging zu ihr und begann, die Gurte an ihren Handgelenken zu lösen.
"Ich will hier raus. Bitte.", flehte sie. "Ich dreh hier durch."
Mike hob den Kopf und sah sich um. Sein Blick blieb an der geschlossenen Tür hängen. Er wusste, dass sich nur wenige Meter dahinter ein Wartebereich befand, in dem er Kinder und Erwachsene teils mit Verletzungen gesehen hatte. Anscheinend eine Art Notaufnahme der Augenklinik. Es war dort ziemlich hektisch zugegangen.
"Jetzt erzähl mir erst einmal, was passiert ist." Sicherheitshalber hielt er ihre Hände fest, falls sie trotz seiner Anwesenheit auf die Idee kam, die Augenbinden abmachen zu wollen.
"Sie haben mit mir geredet. Zumindest habe ich das gedacht. Und ich habe geantwortet. Ich hab es doch nicht gesehen. Dann hab ich gemerkt, dass sie verwirrt reagierten und mir ist klar geworden, dass sie gar nichts gesagt hatten. Mike, ich hör sie ständig, aber ich weiß nicht, wo sie sind und ob sie mit mir reden." Sie schluchzte. "Ich weiß nicht, wann ich antworten muss und wann nicht."
"Ich weiß." Er nahm sie in den Arm.
"Hol mich bitte hier raus.", flehte sie erneut.
"Was ist, wenn Komplikationen auftreten?"
"Dann bringst du mich wieder her. Bitte! Bitte!!!"
Der Detective dachte nach. Sicher war es möglich, sie hier wegzubringen. Aber wohin? Und konnte er die ganze Zeit bei ihr bleiben? Ein familiärer Notfall hatte bestimmt Priorität, aber wie sollte er Crowley erklären, dass sie nicht im Krankenhaus bleiben wollte?
"Unter einer Bedingung. Die Augenbinden bleiben dran."
Sie nickte.
"Also gut, ich bringe dich in meine Wohnung."

***

"Ich hab mich wie ein Vollidiot benommen." Mike konnte sehen, wie sie die Stirn runzelte.
"Du warst benommen. Das Narkotikum, der Eingriff, der psychische Stress der letzten Tage."
"Das ist so peinlich."
"Das ist menschlich."
"Was ist, wenn es rauskommt?"
"Ich hab gemutmaßt, dass es sich um eine unbekannte Nebenwirkung des Narkotikums handelte."
Er grinste.
"Gute Idee." Sie lächelte gequält. "Trotzdem hab ich mich dumm verhalten. Das ist mir noch nie passiert. Wärst du nicht gekommen, hätten sie mich sicher in die Klapse gesteckt."
"Mach dir mal darüber keine Gedanken. Ich regle das schon. Jetzt werde du erst einmal wieder gesund und dann sehen wir weiter. Und das mit dem Sehen meine ich wörtlich."
"Mike." Er sah, wie sie die Hand nach ihm ausstreckte. Er trat zu ihr, setzte sich auf die Bettkante und nahm sie in den Arm. "Ich liebe dich."
"Ich dich auch, Kleines. Du bleibst jetzt im Bett. Ich werde dir das Radio anmachen. Dann besorge ich uns was zu Essen."
"Was ist mit Crowley?"
"Ja, die muss ich auch noch anrufen."
"Was wirst du ihr sagen?"
"Ich habe keinen blassen Schimmer."

***

Dienstag

Am Vormittag brachte Mike Celia in die Klinik zurück. Er wich ihr nicht von der Seite, auch wenn Dr. Anjani dafür kein Verständnis hatte. Erst als Mike ihn darauf hinwies, dass die Nebenwirkungen des verwendeten Narkotikums fast dazu geführt hatten, dass seine Schwester sich selbst verletzt hätte, hörte er auf zu protestieren.
Der Untersuchungsraum wurde abgedunkelt, bevor eine Schwester vorsichtig die Augenbinden löste. Cel hielt die Augen geschlossen.
"Öffnen Sie jetzt bitte ganz langsam die Augen."
Mike drückte sanft ihre Hand und sie nickte kaum merklich. Dann öffnete sie im Zeitlupentempo die Augen. Sie blinzelte gegen das für sie doch noch recht helle Licht.
"Die erhöhte Lichtempfindlichkeit ist zu Beginn normal.", erklärte der Arzt. "Sie sollten die nächsten Tage auch bei bedecktem Himmel eine Sonnenbrille tragen." Er kontrollierte die Augen und nickte dann. "Das sieht alles ganz hervorragend aus." Er hielt ihr das gesunde Auge zu und zeigte mit der anderen Hand drei Finger. "Wie viele Finger sehen Sie?"
"Drei."
"Gut. Sehr gut." Er erhob sich. "Ich sehe Sie dann am Freitag zur Kontrolle."
"Kann die nicht auch meine Ärztin zu Hause machen?"
"Nein. Auf keinen Fall. Die Abschlussuntersuchung mache ich grundsätzlich selbst. Wenn es zu unvorhergesehenen Komplikationen kommt, kann ich dann direkt eingreifen. Die ersten Tage sind am kritischsten. Ist am Freitag alles in Ordnung, dann können Sie ruhigen Gewissens nach Hause fahren."
Celia seufzte und nickte. Sie erhielt eine spezielle Sonnenbrille, die einen besonders hohen UV Filter hatte und zudem stark abdunkelte. Ihr Gesicht verschwand fast hinter den großen dunklen Gläsern.
In der Eingangshalle ging Cel noch einmal auf Toilette, da sie bis zu Mikes Wohnung einmal durch die halbe Stadt fahren mussten. Der Detective wartete draußen und nutzte die Zeit, im Präsidium anzurufen.
Mike blinzelte in die Sonne. "Du solltest dir auch deine Sonnenbrille aufsetzen.", lächelte Celia und hakte sich bei ihm ein.
"Sie liegt im Auto."
"Da liegt sie gut." Sie gingen Richtung Parkplatz. "Hast du mit Crowley gesprochen?"
"Hm."
"Keine Chance?"
"Nein. Ich muss heute Nachmittag wieder zum Dienst. Der Ehemann soll befragt werden. Und immerhin hab ich ihn ja zum Hauptverdächtigen gemacht."
"Du kriegst ihn schon klein."
"Ich hoffe es. Der Typ ist ein verdammt guter Schauspieler. Wenn du nicht …" Er schüttelte den Kopf. "Ich hätte es nicht geahnt."
"Doch. Hättest du. Da bin ich sicher. Denn du bist ein verdammt guter Cop."
Mike befreite grinsend seinen Arm und legte ihn um ihre Schultern. "Ich lieb' dich auch."

***

Der Kaffee war lauwarm. Trotzdem würgte Mike eine Tasse davon runter. Cel würde ihn jetzt wegen seiner Koffeinsucht aufziehen, wenn sie bei ihm wäre. Er grinste, als er daran dachte. Sie hatte dem schwarzen Gold nie etwas abgewinnen können. Jetzt war sie in seiner Wohnung und würde für heute Abend irgendwas Leichtes, Erfrischendes zaubern. Zumindest hatte sie das versprochen. Und da sie bei ihrer beider italienischen Großmutter Kochen gelernt hatte, konnte das nur was Gutes verheißen. Es hatte ihm gut getan zu sehen, wie wohl sie sich fühlte, nachdem die Augenbinden runter waren. Es machte ihr im Moment noch nicht einmal etwas aus, dass sie sich in einer Großstadt befand, in der das Leben nur so pulsierte. Auch wenn das Leben aktuell etwas träger pulsierte auf Grund der großen Hitze.
"Schmeckt der Kaffee immer noch so scheußlich wie immer?"
"Vicky? Was machst du denn hier?"
"Mein Mandant hat mich informiert, dass er heute zum Verhör soll."
Mike runzelte die Stirn. "Und wer ist deine Begleiterin?" Er deutete auf die hochgewachsene Frau, die in der Bürotür stehen geblieben war.
"Eine Freundin von Henry."
Die Falten in seiner Stirn wurden noch tiefer. "Henry, hm."
"Ich habe mit Celia gesprochen. Sie …"
"Du hast was?"
"Entschuldige. Du warst nicht da und sie ist ans Telefon gegangen. Nachdem du am Handy nicht abnimmst ..."
"Mein Akku ist alle."
"Dann solltest du ihn laden. Das könnte dich sonst irgendwann dein Leben kosten."
Mike seufzte. "Was hast du mit Celia besprochen?"
"Sie hat mir davon erzählt, dass ihr Mr. Hardy verdächtigt. Sie meinte, sie hatte den Eindruck, er hätte seine Betroffenheit nur gespielt. Weshalb du ihn heute befragen willst."
"Das ist richtig. Aber was hat das mit dir zu tun?"
"Wenn er mich als Alibi missbraucht haben sollte, will ich ihn hängen sehen."
"Und was ist mit ihr?" Er deutete mit dem Kopf auf die Frau.
"Sie wird uns dabei helfen können."
"Wie?"
Vicky kaute auf ihrer Unterlippe.
"Lass mich raten. Jetzt wird es kompliziert."
"Hm, könnte man so sagen."
Er seufzte. "Raus damit."
"Dianne ist Telepathin."
"Telepathin?" Celluci zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Nach einem Augenblick des Nachdenkens schüttelte er den Kopf. "Okay."
"Okay?", reagierte Vicky verwirrt. "Heißt das, du bist einverstanden?"
"Ja."
"Kein: Vicky, du bist verrückt? Hör auf mit dem Blödsinn?"
Mike zuckte mit den Schultern. "Telepathen hat es schon immer gegeben. Es gibt mehrere dokumentierte Fälle."
Verblüfft starrte die Frau ihn an. "Wer sind Sie und was haben Sie mit Michael Celluci gemacht?"
Mike grinste. "Solange du mir nicht so etwas erzählst wie, sie ist eine griechische Göttin, ist alles okay."
"Römisch."
"Was?"
"Ach, nichts. Du hast also kein Problem damit?"
"Nein. Einen Versuch ist es wert und Schaden anrichten kann sie damit nicht. Ihr bleibt im Überwachungsraum. Ich stelle wie gewohnt meine Fragen und versuche zu vergessen, dass ihr hinter dem Spiegel steht."

***

"Brauche ich einen Anwalt?"
"Nur, wenn Sie etwas zu verbergen haben. Generell haben Sie natürlich das Recht, einen Anwalt anzurufen. Wenn Sie das möchten. Möchten Sie?"
"Nein. Ist schon okay. Ich hab nichts zu verbergen." Nervös knetete der Mann seine Hände. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Was allerdings auch an der Hitze liegen konnte.
Mike setzte sich ihm gegenüber und legte die Akte vor sich hin. Am liebsten hätte er sein Jackett gleich wieder ausgezogen, aber er wollte ein gewisses Erscheinungsbild wahren. Sein vom Schweiß am Körper klebendes Hemd würde nicht gerade dafür sorgen, dass er seinem Gegenüber Vertrauen einflößte. Sofern er das überhaupt wollte. Darüber war er sich mit sich selbst noch nicht einig. Er würde es machen wie immer. Es einfach auf sich zukommen lassen.
"Möchten Sie etwas zu trinken?"
"Nein, nein. Geht schon."
"Gut. Dann kommen wir zum Grund Ihres Hierseins. Ihre Frau wurde in der Nacht vom Samstag zum Sonntag erdrosselt in Ihrem Wohnzimmer aufgefunden. Es gab keinerlei Einbruchsspuren, was darauf hindeutet, dass der Täter entweder einen Schlüssel hatte oder Ihrer Frau bekannt war. Offensichtlich hat er das Haus aber nicht über den Vordereingang betreten, denn sonst wäre er oder sie durch Ms. Nelson gesehen worden. Ms. Nelson ist die Privatermittlerin, die Sie angeheuert haben, um Ihre Frau zu überwachen. Ist das richtig?"
"Ja."
"Warum?"
"Weil ich das Gefühl hatte, meine Frau hintergeht mich. Ich wollte Gewissheit haben."
"Warum dachten Sie, dass Ihre Frau Sie hintergeht?"
"Weil … weil wir seit Monaten keinen Sex mehr hatten und meine Frau auch kein Interesse mehr daran zeigte."
Mike runzelte die Stirn. "Sie sind Regisseur, richtig?"
"Ja. Und wir drehen seit 3 Monaten meine neue Serie. Wissen Sie, es geht um einen Vampir, der als Polizist arbeitet. Es ist ein bisschen so wie die alte Serie Nick Knight, vielleicht kennen Sie die. Deshalb drehen wir fast nur nachts. Entsprechend komme ich auch immer erst sehr spät nach Hause."
Der Detective musste sich mühselig verkneifen, laut aufzustöhnen. Gab es denn keine Situation mehr, in der er nicht von Henry Fitzroy und seinesgleichen verfolgt wurde?
"Gab es noch weitere Anzeichen, dass Ihre Frau Sie betrügt?"
"Nein. Das reicht doch schon, oder? Oder schläft Ihre Frau auch monatelang nicht mit Ihnen?"
"Ich bin nicht verheiratet."
"Oh, ich dachte, die hübsche Brünette, die mit Ihnen ins Haus kam, wäre Ihre Frau. Sie trug doch den gleichen Namen wie Sie."
"Sie ist nicht meine Frau." Geistig machte Mike sich die Notiz, dass Hardy diese Informationen wahr genommen hatte, obwohl er doch angeblich so unter Schock gestanden hatte.
"Wie war Ihr Verhältnis sonst zueinander?"
"Wir haben uns gut verstanden. Wir haben uns schließlich auch geliebt. Immerhin haben wir geheiratet, als ich noch ein Niemand war." Er fing an zu schluchzen. Mike reichte ihm eine Box mit Taschentüchern, aus denen er gleich eins herauszog und laut hineinschnäuzte.
"Hatte Ihre Frau in der letzten Zeit Probleme mit irgendjemandem? Gab es Streit?"
"Nein, nein. Estelle war eine herzensgute Seele. Viel zu gutgläubig, wenn Sie mich fragen. Selbst wenn sich jemand mit ihr hätte streiten wollen, sie hätte lieber klein bei gegeben, auch wenn sie im Recht war."
"War vielleicht jemandem genau das ein Dorn im Auge?"
"Ich, ich weiß es nicht. Oh, wäre ich doch nur früher nach Hause gekommen." Wieder schnäuzte er sich übermäßig laut in sein Taschentuch. Mike verdrehte innerlich die Augen.
Er lehnte sich zurück und ließ den Mann eine Weile jammern. In der Zwischenzeit dachte er darüber nach, ob Hardy möglicherweise von Vickys Augenkrankheit gewusst haben könnte.
"Mr. Hardy, sagen Sie, war Ihre Frau in letzter Zeit öfter beim Arzt?"
"Beim Arzt? Nein, wie kommen Sie darauf?"
"Nur so eine Eingebung. Keine Augenprobleme?"
"Nein, sie hatte gute Augen."
"Wie sieht es mit der Nachtsicht aus? Könnte sie im Dunkeln jemanden mit einer anderen Person verwechselt und dadurch versehentlich ihren Mörder ins Haus gelassen haben?"
"Nein, absolut nicht. Meine Frau hatte hervorragende Augen, auch nachts. Wie ein Luchs."
"Und wie steht es mit Ihnen? Könnten Sie den Mörder Ihrer Frau übersehen haben? Ich meine, immerhin tragen Sie eine Brille."
"Ich bin kurzsichtig. Deshalb trage ich sie. Aber ich hatte sie den ganzen Tag auf, auch als ich nach Hause kam. Ich bin nicht nachtblind."
"Sie wissen, dass Ms. Nelson nachtblind ist?"
Mike wusste, dass Vicky ihn jetzt am liebsten durch die Scheibe anspringen wollen würde, aber das war im Moment egal. Wenn ihre Telepathin was drauf hatte, dann war das hier ein springender Punkt.
"Was? Nein! Natürlich nicht. Dann hätte ich sie niemals engagiert. Wie soll sie denn mit Nachtblindheit eine nächtliche Überwachung durchführen können?"
"Danke, Mr. Hardy. Das war vorläufig alles. Sie wissen ja. Bitte verlassen Sie die Stadt nicht, falls wir Sie noch einmal benötigen."
Mike stand auf und verließ mit einem gemurmelten "Auf Wiedersehen" den Raum.
Kaum war er draußen, stand auch schon Vicky vor ihm. "Wenn du mich ruinieren willst, dann setze doch gleiche eine Anzeige in die Zeitung. PI Victoria Nelson ist nachtblind. Für nächtliche Überwachungen können Sie sie vergessen.", fauchte sie.
Mike hob abwehrend die Hände und sah Dianne an, die hinter Vicky den Überwachungsraum verlassen hatte. "Und?"
"Er hat gelogen. Er wusste von ihrer Nachtblindheit."
Celluci blickte auf Vicky herab.
"Sag kein Wort!", knurrte sie und stapfte murrend in Richtung seines Büros davon.
"Es hat sie verletzt.", merkte Dianne an.
"Ich weiß. Aber es war die einzige Möglichkeit."
"Ja." Sie nickte.
"Sie sollten es ihr sagen."
"Ihr was sagen?"
"Dass Sie sie lieben."
"Ich hab im Moment andere Sorgen, als mich von ihr für einen Gefühlsausbruch ungespitzt in den Boden rammen zu lassen."
Dianne runzelte die Stirn. "Es geht um Ihre Schwester. Was ist mir ihr?"
"Halten Sie Celia hier raus und hören Sie auf, meine Gedanken zu lesen!", knurrte er mit derart viel Abneigung im Blick, dass die Telepathin nicht weiter nachhakte.
Mike folgte Vicky und ließ sich an seinen Schreibtisch fallen, nachdem er sich eine weitere Tasse Kaffee geholt hatte.
"Okay, was haben wir?", fragte die Privatdetektivin.
"Er wusste von deiner Nachtblindheit und er hat eindeutig mehr Informationen aus seiner Umgebung aufgenommen, als jemand tut, der unter Schock steht."
"Er hat gedacht, Celia wäre deine Frau."
"Ja, das auch."
"Er hat von seiner Frau immer in der Vergangenheit gesprochen." Dianne war mittlerweile wieder zu ihnen gestoßen. Mike empfing sie mit einem frostigen Blick.
"Sie hat Recht. Das ist untypisch. Normalerweise wird die Gegenwartsform verwendet."
"Dass er von der Nachtblindheit gewusst hat, können wir leider nicht beweisen. Die anderen beiden Dinge schon. Nur haben die vor Gericht nicht viel Wert."
"Er ist doch kurzsichtig. Könntest du herausfinden, ob er mal bei meinem Augenarzt war?"
"Das lässt sich herausfinden, ja."
"Gut, dann solltest du dich darum kümmern. Ich werde mir in der Zwischenzeit mal seinen Hintergrund ein bisschen genauer ansehen."
"Haben Sie sonst noch irgendetwas Hilfreiches herausgefunden?", wandte sie sich an Henrys Freundin.
"Nein. Er ist gut. Er sieht vor seinem geistigen Auge nur ein Bild: seine erdrosselte Frau. Das Bild überlagert sämtliche anderen Gedanken. Er hat sich regelrecht daran festgeklammert."
"Machen Schauspieler so was nicht auch, wenn sie sich auf eine Rolle vorbereiten?", fragte Vicky.
"Möglich.", erwiderte Mike.
"Und er ist Regisseur."
"Sonst irgendwas?" Ungeduldig sah der Detective die Telepathin an. Er wollte sie aus seinem Büro raus haben und zwar so bald wie möglich.
"Ich kann Ihnen nur sagen, dass er, was die Nachtblindheit angeht, gelogen hat. Und, dass er Ihre Schwester äußerst attraktiv fand. Seine Gedanken sind in dem Moment, als Sie sagten, Sie wäre nicht Ihre Frau, recht - nennen wir es - süffisant geworden."
Ein lautes Knack ließ alle aufhorchen. Der Stift, den Celluci in der Hand gehalten hatte, war in der Mitte zerbrochen.

***

Das Schloss klemmte, als Mike den Schlüssel umdrehen wollte. "Verdammte Scheiße!", fluchte der Detective. Er kämpfte mit dem Schloss, welches jetzt seinen Schlüssel auch nicht mehr hergeben wollte. Plötzlich gab die Tür nach und er machte einen Satz nach vorne. Es fehlte nicht viel und er wäre auf die Nase gefallen.
"Na, na, nicht so stürmisch."
"Dieses verdammte Schloss …"
"… solltest du dringendst mal ölen."
"Genau." Mike ließ sich in den Türrahmen rutschen und blieb auf dem Fußboden sitzen.
"Warum machst du das nicht gleich, während ich das Essen fertig mache?"
"Eigentlich wollte ich erst duschen."
"Soll der Schlüssel solange draußen stecken bleiben oder gedenkst du die Tür so lange offen zu lassen?"
Celluci blickte nach oben. "Ich hasse es, wenn du Recht hast."
"Ich weiß. So ist das halt mit uns Celluci Frauen."
Mike lachte schnaufend. Vor seiner Nase tauchte eine Hand auf. Er ergriff sie und zog sich hoch.
"Scheiß Tag gehabt?"
"Das ist untertrieben."
"Repariere das Schloss, geh duschen und dann reden wir beim Essen, okay?"
"Okay."

***

Henry war noch gar nicht richtig wach, als er ihren Geruch wahrnahm. Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. Er schlüpfte aus seinem Bett und betrat so wie er war das Wohnzimmer. Dort saß sie, in eins seiner uralten Bücher vertieft.
"An den Anblick könnte ich mich gewöhnen."
Ihr Kopf erhob sich und sie lächelte ihn an. "Das glaube ich dir aufs Wort."
Keinen Wimpernschlag später saß er neben ihr auf der Couch. Seine Hand strich zärtlich über ihren Hals, an dem die Karotis verlockend pulsierte.
"Was bist du nur so gierig?"
"Was bist du nur so aufreizend?", erwiderte er mit der tiefen Stimme seines zweiten Gesichts.
Sie lachte leise und beugte den Kopf zur Seite. Er kam ihrer Einladung sofort nach. Weich legten sich seine Lippen an ihren Hals und mit einem kaum merklichen Schmerz ritzten seine Zähne die dünne Haut über der Hauptschlagader. Als er zu trinken begann, stöhnte sie auf. Sie verstand nicht, warum es passierte, aber es war ihr auch egal. Ihm sicherte es sein Überleben und ihr eine unbeschreibliche Ekstase.

***

Ihre schweißnassen Körper lagen nebeneinander. Henry strich Dianne eine Strähne aus dem Gesicht. "Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, zu fragen, wie dein Tag war."
"Spannend. Ich habe einen Ausflug mit Vicky gemacht."
Henry runzelte die Stirn und setzte sich auf. "Vicky? Woher wusste sie, dass du hier bist?"
"Sie hat angerufen und dir auf den Anrufbeantworter gesprochen. Sie erwähnte, dass Mike ihren Klienten verdächtige und dass sie ins Polizeipräsidium fahren wolle, um bei dem Verhör dabei zu sein. Nun, ich dachte, möglicherweise könnte ich behilflich sein. Also habe ich abgehoben und mit ihr gesprochen."
"Wie hat sie reagiert?"
"Überrascht. Verärgert."
"Und dann?"
"Haben wir uns am Präsidium getroffen."
"Du bist heute furchtbar. Lass dir nicht alle Informationen aus der Nase ziehen."
Dianne lachte. "Seit wann bist du so ungeduldig?"
Henry verzog das Gesicht. "Zu viel Umgang mit Normalsterblichen."
"Ja, Geduld war noch nie deren Stärke."
"Könnte daran liegen, dass sie nicht soviel Zeit haben wie wir."
"Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.
" "Und wie ging es weiter? Wie hat Celluci reagiert?"
"Erstaunlich entspannt. Vicky hat kurz mit ihm gesprochen und er hat es akzeptiert."
"Was? Das klingt überhaupt nicht nach ihm."
"Das war auch Vickys Reaktion. Sie war ebenso erstaunt."
"Das ist ungewöhnlich. Aber vielleicht gewöhnt er sich auch endlich daran, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als die Wissenschaft bisher bewiesen hat." Henry grinste.
"Nein. Er behauptete, es gäbe mehrere dokumentierte Fälle von Telepathie."
"Das wäre mir neu."
"Es war gelogen."
Henry setzte sich auf. "Er hat gelogen? Willst du sagen, er hat deine Fähigkeit akzeptiert und als Vicky misstrauisch wurde, hat er gelogen?"
"Ja."
"Das passt nicht zu ihm."
Dianne zuckte mit den Schultern. "Jedenfalls hat auch Mr. Hardy gelogen. Seine Trauer war offensichtlich tatsächlich gespielt. Und er wusste von Vickys Nachtblindheit."
"Dann war ihm klar, dass sie für eine nächtliche Beobachtung nicht taugt."
"Ja. Was bedeutet, dass er entweder selbst der Mörder ist oder mit dem Mörder unter einer Decke steckt."
"Celluci ist gut. Das muss ich ihm lassen."
"Er hat es nicht gemerkt."
"Wer dann?"
"Wenn ich das richtig mitbekommen habe, dann war seine Schwester diejenige, die ihn verdächtigt hat."
"Er hat eine Schwester?"
"Ja. Ich habe kurz mit ihm über sie gesprochen, aber er hat sofort geblockt. Er wurde richtig wütend, als er bemerkte, dass ich seine Gedanken gelesen habe."
"DAS klingt definitiv nach Celluci."
"Meinst du, es wäre möglich, dass ich mir den Tatort mal ansehe?"
Der Vampir sah sie fragend an. "Willst du dich wieder als Detektiv betätigen?"
"Ganz so wie früher, wenn sich jemand an meinen Besitztümern vergriffen hat." Sie grinste.
"Aber du gedenkst nicht, irgendeine 'göttliche Strafe' über sie kommen zu lassen?" Er symbolisierte die Anführungsstriche mit den Fingern.
Dianne lachte. "Die Zeiten sind vorbei, dass ich noch jemanden damit beeindrucken könnte. Wir leben im Zeitalter von Computern und Flugzeugen, da erschreckt niemanden mehr ein bisschen Magie."
Henry runzelte die Stirn. Magie? Ein flaues Gefühl legte sich in seine Magengrube.
"Keine Sorge. Die schwarze Magie hat mich nie gereizt. Es gibt mehr als genug weiße."
"Gut." Er nickte erleichtert. "Dann schauen wir uns den Tatort doch einfach mal an."
"Was ist mit Vicky? Sollte sie nicht dabei sein?"
"Nein. Nicht, wenn wir ein bisschen mit Mr. Hardy spielen wollen." Er grinste selbstgefällig.
"Ah, so ist das also." Dianne verstand und schmunzelte.

***

Mittwoch Morgen
Unruhig wälzte sich Mike hin und her. Immer und immer wieder ging ihm der Tag durch den Kopf. Und das lag nicht an Crowleys Standpauke, die er sich hatte anhören dürfen, als sie herausfand, dass Zivilisten dem Verhör beigewohnt hatten, wenn auch nur im Beobachtungsraum. Nein, es war diese Dianne, die ihn unruhig machte. Wer oder was war sie? Eine Freundin von Henry. Sie war am Tag unterwegs, also konnte sie kein Vampir sein. Trotzdem war etwas an dieser Frau, dass ihn nervös machte. War es ihre Fähigkeit? Nein. Es war eher die Tatsache, dass sie diese gezielt einsetzen konnte. Fast hätte sie es herausgefunden. Sein Blick ging zu Celia, die neben ihm schlief. Er drehte sich auf die Seite und beobachtete sie. Ihre Augen bewegten sich schnell unter den Lidern. Sie träumte. Er war froh, dass sie endlich eingeschlafen war. Früher oder später musste ihr Körper seinen Bedarf an Schlaf einfordern, unabhängig davon, wo und in welcher Situation sie sich befand. Sie hatten beim Essen über den Tag gesprochen. Er hatte Dianne nicht erwähnt. Gewissermaßen fühlte er sich deshalb schlecht. Aber das hätte auch bedeutet, dass er ihr von Henry hätte erzählen müssen und dann auch von all den anderen Dingen, die in den letzten Monaten vorgefallen waren. Und das wollte er nicht. Sie sollte nicht in einer solchen Welt leben, von diesen Dingen wissen. Ihr Leben war kompliziert genug.
Er bemerkte, dass ihr Atem schneller ging. Sie wurde unruhig. Plötzlich schreckte sie hoch und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf einen Punkt im Nichts.
"Hey, alles okay?", fragte er. Celia sah ihn kurz an, rutschte dann zu ihm rüber und kuschelte sich in seine Arme. Sie zitterte leicht. Er schlang die Arme um sie. "Alptraum?" Er spürte ihr Nicken.
"Willst du drüber reden?" Diesmal schüttelte sie den Kopf. Nach einer Weile hörte ihr Zittern auf und ihr Atem ging so ruhig, dass Mike mutmaßte, dass sie wieder eingeschlafen war. Doch er irrte sich.
"Meinst du, ich könnte mir noch einmal den Tatort ansehen?"
"Warum?"
"Ich hab das miese Gefühl, etwas übersehen zu haben."
"Das kenne ich."
Sie hob den Kopf und sah ihn an. "Kann ich?"
"Klar. Wir können morgen früh rüberfahren."
"Warum nicht jetzt?"
"Wieso jetzt? Du solltest schlafen! Du hast gerade mal …" Er griff mit einer Hand zur Seite und betätigte den Knopf auf seinem Wecker, der das Hintergrundlicht einschaltete. "… 3 Stunden geschlafen."
"Ich kann eh nicht mehr einschlafen."
"Du hast es noch nicht einmal versucht."
"Bitte Mike."
Er seufzte. "Okay."
"Gibst du bei Vicky auch immer so schnell auf?" Sie schmunzelte.
Er runzelte die Stirn und antwortete nicht darauf. "Lass uns gehen."

***

Henry parkte den Wagen etwas abseits. Gemeinsam schlichen er und Dianne anschließend zum Haus der Hardys. Alle Lichter waren gelöscht. Henry lauschte und verzog dann enttäuscht das Gesicht. "Er ist nicht da. Das Haus ist leer."
"Schade. Aber dann stört uns wenigstens niemand."
"Die Tür ist versiegelt."
"Dann sollten wir hinten herum hineingehen. Ich wollte mir sowieso den hinteren Bereich ansehen."
"Brauchst du Licht?" Der Vampir sah, wie sie eine Augenbraue hob. "Was?"
"Ich sehe genauso gut wie du. Oder wie dachtest du, haben wir nachts in den Wäldern Jäger verunsichern können?" Sie grinste.
"Ich schätze, damals gab es noch keine Nachtsichtgeräte." Er lächelte anerkennend.
"Nicht wirklich."
Sie liefen beide nach hinten und sahen sich um.
Dianne deutete auf die Terrassentür. "Der ideale Ort zum Einsteigen. Wenn er sie offen gelassen hat, konnte er unbemerkt ins Haus gelangen."
"Ja, aber wie ist er in den Garten gelangt, wenn nicht von vorne herum? Ich sehe keine Tür."
"Vielleicht gibt es einen versteckten Zugang."
"Okay." Henry hockte sich auf den Boden und musterte das Gras. Sein Blick wanderte zur Terrassentür. Das geschulte Auge des Jägers erkannte schnell, dass das Gras in einem schmalen Streifen etwas spärlicher wuchs, als würde dieser Weg öfter begangen. Er folgte dem Streifen. Der Pfad führte ihn zu einem kleinen Werkzeugschuppen. Enttäuscht wollte er sich abwenden, als ihm auffiel, dass der Streifen nicht nur zur Tür ging, sondern auch um den Schuppen herum. Er folgte ihm weiter. Hinter dem Schuppen endete er mitten in der Hecke. Misstrauisch untersuchte der Vampir die Hecke. Als er entdeckte, was er suchte, blitzten seine weißen Zähne im Mondlicht auf.
'Ich hab was.', sandte er Dianne mental die Info. Hach, ich liebe diese lautlose Art der Kommunikation, dachte er bei sich. Kurze Zeit später stand sie neben ihm.
"Was hast du?", fragte sie leise.
"Die Tür."
Misstrauisch beäugte sie die Hecke. Doch dann sah auch sie, was er meinte. Sie öffneten den Mechanismus und die Tür schwang mitsamt sämtlichen Heckenranken, die darum wucherten, auf.
"Gut getarnt."
Sie traten auf einen Trampelpfad, der an einem Grünstreifen entlang führte. Das nächste Haus lag etwa 30 Meter entfernt und der Zugang blieb dank Sträuchern vor neugierigen Blicken verborgen. "Jetzt wissen wir schon einmal, wie der Täter unbemerkt an Vicky vorbeigekommen ist."

***

"Wenn du drüber reden willst, du weißt, ich hab immer ein offenes Ohr für dich." Mike blickte flüchtig zu Celia, die auf dem Beifahrersitz saß.
"Hm? Ach, du meinst den Traum. Den hab ich schon wieder vergessen. Deshalb wollte ich ja nicht drüber reden. Wenn ich nicht drüber nachdenke, vergesse ich die meistens gleich wieder. Hat auch diesmal funktioniert. Ist nur ein flaues Gefühl geblieben." Sie lächelte ihn an.
"Dann ist gut. Wir sind gleich da."
Sie nickte und sah wieder hinaus in die Dunkelheit.
"Wie sieht es mit deiner Nachtsicht aus?"
"Momentan ist es okay. Das rechte Auge ist normal, das linke ein bisschen eingeschränkt. Sonst passt es. Fühlt sich aber angenehmer an als bei Tag, weil die Kontraste nicht so stark sind."
"Wie fühlst du dich sonst?"
"Es ist okay. Ich könnt nicht gerade Bäume ausreißen oder die Welt umarmen."
"Du weißt, ich bin für dich da."
"Ja, Mike. Aber es gibt Dinge, die muss ich allein schaffen."
"Ich weiß. Ich will nur, dass du das weißt. Ich …"
"Mike. Ich liebe dich und ich weiß, du bist für mich da, wenn ich dich brauche. Keine Sorge, ich werde deine Hilfe schon in Anspruch nehmen, wenn ich sie brauche." Sie lächelte. "Immerhin bist du alles, was ich habe."
"Na ja, du hast doch auch noch …"
"Nein." Der Widerspruch kam scharf. "Die einzige Hilfe, die ich von unserer Familie erwarten kann, ist in Form einer Hab-Mich-Lieb-Jacke und eines Psychiaters." Sie biss die Zähne zusammen. Er seufzte. Er wusste, er brauchte nicht weiterzureden. Er konnte sich noch gut an die letzte gemeinsame Familienfeier erinnern. Die Situation wäre beinahe eskaliert. Und alle hatten sich gegen sie gestellt. Alle, außer ihm. Seit dem war Celia nie wieder zu Hause gewesen und hatte, soweit er wusste, auch sämtlichen Kontakt zur Familie abgebrochen.
"Ich bin nicht verrückt.", flüsterte sie leise, wie um sich selbst davon zu überzeugen.
"Nein, das bist du nicht."
Mike fuhr die Auffahrt des Anwesens hoch und parkte direkt vorm Haus. Als er den Motor abgestellt hatte, drehte er sich zu ihr und nahm ihre Hand. "Du bist alles, nur nicht verrückt. Das weißt du und das weiß ich. Denk immer daran, was Grandma gesagt hat."
"Bei den Cellucis gab es schon immer verrückte Sachen. Aber wirklich verrückt war noch keiner."
Sie lächelte.
"Richtig."
"Ich vermisse sie."
"Ich auch. Ohne sie sind die Familienfeiern nur noch lästig."
"Oha, lass das Mom nicht hören."
Mike verdrehte die Augen und lachte dann.
Sie stiegen aus dem Wagen aus und gingen zur Tür. Der Detective schnitt mit dem Schlüssel das Polizeisiegel durch, mit dem die Tür verplombt war, und öffnete selbige. Er zog sich Gummihandschuhe über, ging voran und schaltete das Licht an. Cel folgte ihm.
"Ich geh nach oben.", sagte sie.
Der Mann nickte und ging selbst ins Wohnzimmer. Beim letzten Mal hatte er sich nicht wirklich Zeit genommen, sich umzusehen. Die meisten Informationen stammten von den Tatort Fotos. Er sah sich in aller Ruhe um, konnte aber nichts entdecken, was er nicht schon wusste.
"Sie hatten getrennte Schlafzimmer.", erzählte Celia, als sie wieder zu ihm stieß.
"Ihr Liebesleben scheint doch nicht so der Hit gewesen zu sein."
"Vielleicht hat er auch geschnarcht." Sie grinste Mike an.
"Hey, ich schnarche nicht!", protestierte er, als er die Herausforderung in ihrem Blick sah. Sie lachte nur.
"Hast du hier irgendetwas entdeckt?"
"Nein. Aber der Täter kann nur über die Terrassentür reingekommen sein." Er zeigte auf einige Kratzer an der Tür. "Das sieht aus, als hätte jemand die Tür mit irgendetwas blockiert, damit sie nicht verriegelt."
"Was bedeutet, dass die Person vorher schon einmal im Haus gewesen sein muss."
"Wieder ein Hinweis auf unseren Hauptverdächtigen."
"Ihm wäre es ein Leichtes gewesen, eine solche Manipulation vorzunehmen."
"Aber dann muss es noch einen Zugang zum Garten gehen, der nicht von der Straße kommt."
Sie nickte, schob die Terrassentür auf und trat nach draußen. Sie drehte sich zu Mike um. "Kannst du das Licht ausschalten. Sonst sehe ich im Garten überhaupt gar nichts." Sie hob die Arme.
Plötzlich wandte sie ruckartig den Kopf und starrte in die Dunkelheit.
Anstatt zum Lichtschalter zu gehen, trat der Detective zu ihr nach draußen. "Was ist los?"
"Wir sind nicht allein."

***

Henry und Dianne waren dem Pfad ein Stück gefolgt, um zu sehen, wohin er führte. Er mündete direkt in eine der Nebenstraßen. Jetzt kehrten sie zum Haus zurück. Doch als sie die Heckentür öffneten, sahen sie das Licht im Haus und erkannten zwei Gestalten. Sie selbst verschmolzen instinktiv sofort mit den Schatten, um nicht gesehen zu werden.
'Celluci.', knurrte Henry lautlos, der den Detective gleich erkannte. 'Die Frau kenne ich nicht.'
'Das ist seine Schwester.', erklärte Dianne auf gleiche Art.
'Du kennst sie?'
'Nein. Aber sieh dir an, wie sie sich bewegt. Außerdem ist ihr Gesicht ähnlich geschnitten, nur ihr Kiefer ist schmaler.'
'Das Auge der Fachfrau.'
Er sah ihre Zähne aufblitzen, als sie ihn anlächelte. Plötzlich gefror ihr Lächeln und wich einem erstaunten Gesichtsausdruck. Henry folgte ihrem Blick. Die Frau stand auf der Terrasse und starrte in ihre Richtung. Celluci trat in diesem Moment zu ihr.
'Es ist unmöglich, dass sie uns sehen oder hören kann.' Er runzelte die Stirn.
'Sie hört uns nur zu gut.'
Ehe er etwas tun konnte, trat Dianne in den Lichtkegel, der über die Terrasse in den Garten fiel.
Henry fluchte leise und folgte ihr.
Mike verschränkte die Arme vor dem Körper, als er die Frau erkannte. Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich, als er auch den Vampir entdeckte. "Der hat mir gerade noch gefehlt.", knurrte er. "Wer ist das?" Celia sah ihn fragend an.
"Jemand, den du nicht kennenlernen solltest." Sie runzelte die Stirn. "Ist eine lange und komplizierte Geschichte." Er wandte sich an die Ankömmlinge. "Sie begehen gerade Hausfriedensbruch.", begrüßte er den Vampir mit eisigem Unterton.
"Die Tür war offen.", erwiderte dieser ebenso kühl.
"Als wenn eine geschlossene Tür Sie aufhalten würde."
"Alles zu seiner Zeit."
Während die beiden Männer Nettigkeiten austauschten, musterten sich die beiden Frauen mit einer Mischung aus Erstaunen und Neugier. Mike realisierte den Blick bei Dianne. Er wandte sich um, sah seine Schwester an und erkannte den gleichen Blick. Er runzelte die Stirn. "Cel?"
"Hm?" Sie hob den Blick und schaute ihn an. Einen Moment lang sagte keiner etwas. Selbst Fitzroy verstummte, als er die Spannung zwischen den beiden Frauen spürte.
"Was ist los?" Sorge legte sich um Mikes Augen.
"Ich weiß es nicht.", antwortet Celia. Sie wandte den Kopf wieder in Richtung Dianne. "Wer bist du?"
Die Frau trat näher, bis sie sich genau gegenüber standen. "Ich bin Dianne." Sie reichte ihr die Hand. "Ich kann dir helfen."
Celia nickte.
"Helfen? Wobei?", mischte Mike sich ein. Er hatte das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Angst legte sich um seine Brust.
Dianne sah ihn an. "Sie kann lernen, damit umzugehen. Es zu steuern. Sie braucht nur jemanden, der sie unterrichtet."
Der Detective schluckte.
"Ähm, wie wäre es, wenn wir reingehen und mich dann mal irgendjemand aufklärt?" Henry hob Aufmerksamkeit erheischend die Hand.
Wie fremdgesteuert ging Mike nach drinnen. Die Anderen folgten ihm. Celia schloss die Terrassentür, da Henry und Dianne keine Handschuhe trugen. Sie gingen in die Küche.
"Okay. Was habe ich verpasst?"
"Sie ist eine unausgebildete Telepathin.", erklärte seine alte Freundin.
"Wie bitte?" Er sah Mike fragend an.
Der drehte sich um und starrte aus dem Fenster in die Dunkelheit. Er wusste nicht, was er denken oder fühlen sollte. Er war einfach nur durcheinander. Und er machte sich Sorgen. Sorgen um seine kleine Schwester. Und die Entwicklung, die gerade begann. Eine Entwicklung, von der er nicht wusste, was er davon halten sollte.
Auch Henry war verwirrt. "Sie sind seine Schwester?" Cel nickte. "Und Telepathin?"
"Sieht so aus, ja."
Der Vampir verschränkte die Arme vor der Brust und blickte Celluci herausfordernd an. "Die Schwester von Mr. 'Ich glaube nicht an Übernatürliche Phänomene' ist eine Telepathin und er hat das die ganze Zeit gewusst." Er grinste. "Ich gehe davon aus, dass Sie Vicky nie davon erzählt haben." Mike antwortete nicht darauf. Nur am Spiel seiner Wangenmuskeln konnte Henry sehen, dass er darauf reagierte. Und er genoss es.
Der Detective kochte innerlich. Es hatte ihm gerade noch gefehlt, dass der Vampir jetzt auch noch etwas gegen ihn in der Hand hatte. Am liebsten hätte er ihm den Hals umgedreht, doch er wusste, dass das nicht viel bewirken würde. Zumal der schmächtig wirkende Kerl auch noch Kräfte hatte, mit denen er nicht einmal vor 10 Jahren hätte mithalten können.
In der Reflexion der Scheibe konnte er erkennen, dass die beiden Frauen wissende Blicke austauschten. Er seufzte und drehte sich um. "Okay. Ich denke, das können wir später immer noch regeln." Gedanklich setzte er dazu: 'Wenn du im Tiefschlaf bist und ich mir deine Häme nicht mehr anhören muss.'
"Er hat Recht." Celia nickte.
"Ich schätze, Sie beide sind aus dem gleichen Grund hier wie wir. Haben Sie etwas herausgefunden?"
"Ja. Es gibt eine geheime Tür in der Hecke. Sie führt auf einen Pfad, der zu einer Nebenstraße führt."
"Ist die Nebenstraße der einzige Zugang?"
"Wenn er nicht gerade querfeldein gelaufen ist oder aus einem der angrenzenden Grundstücke gekommen ist, ja.", erwiderte die Frau.
"Die Leute hier sind verdammt paranoid. Vielleicht haben wir Glück und es gibt eine Überwachungskamera, die den Bereich überwacht."
"Das wäre perfekt.", nickte Celia.
Henry hielt sich zurück. Er beobachtete lieber die Szenerie. Es war nicht zu übersehen, dass sich Celluci in seine Arbeit flüchtete. Falls er damit erhoffte, dass er seine Schwachstelle vergessen machen könnte, dann hatte er sich getäuscht. Henry freute sich schon sehr darauf, Vicky davon zu erzählen. Sein Blick blieb an Celia hängen. Sie war hübsch. Er hatte dem Detective gar nicht zugetraut, eine so attraktive Schwester zu haben. Er musterte ihren Hals. Er war genauso lang wie der ihres Bruders. Ob ihr Blut genauso gut schmeckte?
Celias Kopf ruckte herum. Sie starrte ihn entgeistert an. Im gleichen Moment erinnerte er sich daran, dass sie Telepathin war und damit auch seine Gedanken hören konnte. Nun war es zu spät. Sie hatte offensichtlich nur allzu deutlich gehört, was er dachte.
"Was zur Hölle ist er?", fragte die junge Frau entgeistert.
Mike biss sich auf die Unterlippe. Bisher war er froh gewesen, dass dieses Thema irgendwie unter den Tisch gefallen war.
"Er denkt darüber nach, wie mein Blut schmecken könnte?" Ihre Stimme klang kurzfristig leicht hysterisch. Sie starrte abwechselnd Henry und ihren Bruder an.
Celluci versteifte sich. Seine Augen zogen sich zusammen. Er drückte sich von der Küchenplatte ab, an der er bisher gelehnt hatte, und ging langsam, mühsam kontrolliert auf Henry zu. Direkt vor ihm blieb er stehen und blickte auf den kleineren Mann hinab.
"Wenn Sie es wagen, auch nur einen Blutstropfen von ihr zu trinken, dann werde ich Sie jagen. Und es ist mir egal, was Vicky davon hält.", drohte er mit derartiger Inbrunst, dass selbst Henry, der schon viele Drohungen zu hören bekommen hatte und normalerweise nur milde darüber lächelte, schlucken musste.
"Mike?"
Der Detective drehte sich um und ging zurück zu Celia. Seine Wangenmuskeln spielten heftig, weil er sich nur mühsam zusammennahm. Lieber hätte er dem Vampir allein schon für den Gedanken das Herz rausgerissen.
"Was ist er, Mike?", fragte sie erneut, als er vor ihr stehen blieb.
"Er ist ein … Vampir.", brachte er mühsam über die Lippen.
Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen.
"Keine Angst. Er hat nichts mit den Filmgestalten gemein. Nicht viel zumindest.", mischte sich nun Dianne ein, die sich bisher zurückgehalten hatte.
Celias Kopf wandte sich ihr zu. "Bist du sicher?"
"Absolut."
"Du bist dir nicht so sicher wie sie.", stellte sie fest, als sie Mike wieder in die Augen schaute.
"Ich weiß es nicht.", erwiderte er leise. "Ich traue ihm nicht, aber Vicky tut es."
Celia nickte und blickte auf die Uhr. "Stimmt es, dass Vampire kein Sonnenlicht vertragen?"
"Ja."
"Dann sollten wir aufbrechen. Es ist nicht mehr lange bis zur Dämmerung."
Mike staunte darüber, wie gefasst sie reagierte. Doch in ihren Augen konnte er noch immer Verwirrung erkennen. Offensichtlich hatte sie sich entschlossen, im Moment nicht weiter darüber nachzudenken.

***