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Blood Ties – Gifted 2 (Fortsetzung von Gifted, Ep. 4)

Hauptdarsteller:
  • Henry Fitzroy.......Kyle Schmid
  • Mike Celluci..........Dylan Neal
  • Vicky Nelson....... Christina Cox
  • Steven David...... Jeffries Gordon Woolvett
  • uvm.
Autor: foxy [at] harperfront.com

******************************************************************************* Donnerstag Abend

Fein säuberlich führte Henry den letzten Strich an seiner Zeichnung aus. Wieder ein Bild fertig. Nicht mehr viel und er konnte den nächsten grafischen Roman abschließen. Er legte die Feder beiseite und pustete sacht auf das Bild, damit die Tinte schneller trocknete. Manche empfanden es als altmodisch, dass er weiterhin mit Tinte zeichnete, aber seines Erachtens nach gehörte das einfach zu seinem Stil. Und es kam an. Ebenso wie sein Auftreten als englischer Edelmann.
Immerhin war er das auch, auch wenn nur die wenigsten davon wussten. Als Sohn von Heinrich dem Achten hatte er die hohe Schule des englischen Hochadels durchlaufen.
Ein Klopfen an seiner Tür ließ ihn aufhorchen. Er ging hinüber. Bevor er die Tür öffnete, schnupperte und lauschte er. Er konnte Vickys Geruch wahrnehmen ebenso wie den Herzschlag von drei Personen. Einer davon deutlich sanfter als der der beiden anderen. Er musste einem Kind gehören. Er runzelte die Stirn und öffnete die Tür. Überrascht zog er die Augenbrauen hoch. "Mr. Jeffries, was für eine Überraschung. Und Sarah, nicht wahr?" Das kleine Mädchen nickte. Er ließ die Drei ein und blickte Vicky fragend an. Sie lächelte nur.
Die Frau brachte das Mädchen zu einem Tisch an der Seite, wo sie Malutensilien auspackte. Dann kehrte sie zu Henry und Steven Jeffries zurück und nahm auf der Couch Platz. Nachdem sie alle saßen, übernahm Vicky das Wort.
"Steve kam heute zu mir und bat mich um unseren Rat als PI's und Spezialisten für Übernatürliches." Sie hatte einen gewissen Unterton beigemischt, den Henry nur schwer interpretieren konnte. Er wusste, sie mochte einerseits die Arbeit mit besonderen Fällen, andererseits behagte es ihr jedoch auch nicht. "Wie du dich erinnerst, ist Sarah Telekinet." Henry nickte. "Obwohl Buttercup nicht mehr aufgetaucht ist, existiert ihre Fähigkeit weiterhin und es kam zu einigen kleineren Zwischenfällen an ihrer aktuellen Schule."
"Wenn sie wütend wird, dann zerbricht ein Fenster oder eine Tür fällt scheppernd zu, obwohl niemand in der Nähe ist.", mischte sich Jeffries mit gedämpfter Stimme ein. "Mittlerweile hat ihr das den Ruf als … Freak eingebracht." Er sah besorgt aus. "Ich habe mich mit Laurel unterhalten, ihrer ehemaligen Kunstlehrerin an der Cobb Academy. Sie arbeitet jetzt an der gleichen Schule, an der Sarah ist. Sie erzählte mir von einer Schule für … besondere Schüler."
"Hatten wir dieses Spiel nicht schon einmal mit der Cobb Academy?"
"Ja. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Sie können so etwas besser einschätzen als ich. Sarah kann an ihrer aktuellen Schule nicht bleiben. Sie braucht einen Ort, an der jemand mit ihren Fähigkeiten umgehen kann und ihr auch beibringt, damit selbst umzugehen. Sie zu kontrollieren."
"Und an dieser Schule ist das möglich?"
"Laurel erzählte mir von einem ehemaligen Schüler der Cobb Academy. Seine Eltern haben ihn nach einigen Monaten wieder von der Akademie genommen und in diese andere Schule gebracht.
Sie ist mit ihm noch eine Weile in Kontakt geblieben und hatte einen guten Eindruck. Der Name der Schule ist schlicht Schule der Artemis."
"Artemis? Wie die Griechin?"
"Die griechische Göttin, ja.", erwiderte Vicky.
Henry bemerkte, wie sie Göttin betonte, erwiderte darauf jedoch nichts. Es würde zu lange dauern, ihr jetzt zu erklären, dass an Artemis nichts Göttliches gewesen war. "Und jetzt wollen Sie Sarah an diese Schule bringen?", fragte er stattdessen Steve.
"Ich habe Kontakt mit der Schulleiterin aufgenommen. Sie hat mir Infomaterial zukommen lassen, allerdings auch gleich betont, dass nicht jedes Kind bei ihnen aufgenommen wird. Das, was die Broschüre beschreibt, ist interessant. Es ist ein riesiges Gelände mit eigener Sportanlage und Reitstall. Sie bauen ihr eigenes Gemüse an, sie haben einen Ziegenstall und so weiter. Es liegt inmitten der Wälder, abgeschieden von der Zivilisation. Die Anlage ist komplett autark."
"Und das ist es, was Ihnen Sorge macht."
"Es ist schon fast sektenartig. Deshalb wollte ich, dass Sie mitkommen."
"Wir sollen mitkommen? Vicky, du weißt genau …" Die Frau hob die Hand und unterbrach Henry damit.
"Ich weiß. Es ist zwei bis drei Autostunden von hier entfernt, bei deiner Fahrweise. Wir schauen uns das Gelände an und die Leute, und dann fahren wir zurück. Wir sind spätestens eine Stunde vor Sonnenaufgang wieder hier."

***

Während sie der dunklen Landstraße folgten, fluchte Henry innerlich. Worauf hatte er sich hier eingelassen? Sie hatten keine Ahnung, was sie dort erwartete. Wenn sie aufgehalten wurden, einen Unfall hatten … er brauchte ein Versteck für den Tag. Wäre er allein unterwegs, dann wäre das alles kein Problem. Aber er war nicht allein. Unruhig trommelte er mit den Fingern auf das Lenkrad.
"Wird schon schiefgehen.", murmelte Vicky leise, um das Mädchen nicht zu wecken. Sie schlief auf dem Rücksitz in den Armen ihres Vaters. Henry konnte Steves Gesicht im Rückspiegel erkennen. Er sah besorgt aus. Die Frage war, worum machte er sich mehr Sorgen? Um seine Tochter oder um die Tatsache, dass er sie und sich freiwillig in die Hände eines Vampirs begeben hatte. Sofern er sich daran überhaupt noch erinnerte. Henry wusste es nicht. Er hätte ihn diese Erinnerung vergessen lassen können, doch Vicky hatte ihn aufgehalten. Nicht zum ersten Mal. Ahnte sie überhaupt, wie verwundbar sie ihn damit machte?
Endlich erreichten Sie das Gelände der Schule. Ein großes schmiedeeisernes Tor versperrte die direkte Zufahrt. An der Seite befand sich eine Sprecheinrichtung. Henry ließ das Fenster herunter, um den Sprechknopf zu drücken, doch in diesem Moment öffnet sich das Tor bereits leise quietschend. Er runzelte die Stirn. "Werden wir erwartet?"
"Ja.", erwiderte Vicky. "Glaubst du ernsthaft, sie hätten uns sonst zu so nachtschlafender Zeit eingelassen?"
"Auch wieder wahr."
Sie fuhren noch etwa zehn Minuten weiter, ehe sie das Hauptgebäude erreichten. Henry parkte den Wagen in einer Bucht an der Seite.
Sie stiegen die Stufen zu einer großen Eichentür hinauf. Noch ehe sie die Tür erreichten, schwang diese wie von Geisterhand auf. Henry konnte nicht umhin, ihm sträubten sich die Nackenhaare. Vom ersten Moment an hatte er sich beobachtet gefühlt und jetzt wurde dieses Gefühl fast übermächtig.
"Henry Fitzroy. Wir haben uns lange nicht gesehen.", vernahm er die Stimme einer Frau.
Irgendetwas klingelte bei ihm, doch er wusste sie nicht sofort einzuordnen.
Vicky sah ihn fragend an, doch er ignorierte sie. Sämtliche Sinne waren auf das Dunkel vor ihnen gerichtet. Plötzlich flammte eine Lampe auf. Der Vampir blinzelte. Doch zum Glück war sie nicht so hell, so dass sich seine empfindlichen Augen schnell daran gewöhnten. Nun erkannte er auch die hochgewachsene Frau, die den Lichtschalter betätigt hatte und zur Tür getreten war.
"Diana."
"Dianne.", korrigierte sie ihn lächelnd auf eine englische Variante des Namens. Sie wandte sich an die Anderen. "Herzlich willkommen in der Artemis School." Sie trat einen Schritt beiseite und bedeutete ihnen, einzutreten.
Als Henry an ihr vorbeiging, sog er ihren Geruch auf. Erinnerungen stiegen in ihm auf, die ein starkes Hungergefühl in ihm erweckten. Wissend lächelte sie ihn an und klar und deutlich hörte er ihre Stimme in seinem Kopf: 'Später.'
"Ihr kennt euch?", fragte Vicky an Henry gewandt direkt heraus, als sie in einem kleinen Salon Platz nahmen.
"Ja. Es ist schon eine Weile her." Er drehte den Kopf in Richtung ihrer Gastgeberin. "Es war damals noch in Griechenland und dein Name war noch Diana. Ich bin erstaunt, dass es dich hierher verschlagen hat."
"Das ist eine lange Geschichte voller Missverständnisse."
"Wie meistens."
Sie lächelten sich derart vertraut an, dass Vicky die Stirn runzelte.
"Nun, dann schlage ich vor, dass wir zum Grund unseres Besuches kommen. Wir würden uns gern einen Eindruck Ihrer Schule machen."
"Und Sie sind die Schwester von Mr. Jeffries?"
"Ja, das ist richtig."
"Nein, ist es nicht.", widersprach Henry.
"Henry?!" Vicky und Steven schauten ihn entgeistert an.
"Es ist zwecklos. Sie kennt die Wahrheit bereits."
"Was?!"
"Sie ist Telepathin."
Vicky starrte ihn entgeistert an. Nach einem Moment fragte sie: "Weiß sie …"
"Ja.", erwiderte Dianne, noch bevor Vicky ihre Frage beenden konnte. Sie wandte sich an Henry.
"Du vertraust ihr?" Er nickte. "Was ist mit ihm?"
"Seine Tochter ist Telekinetin. Ich denke, er kann damit umgehen."
"Gut." Sie wandte sich an Steven. "Sie möchten wissen, mit wem Sie es zu tun haben. Sie sollen es erfahren. Allerdings möchte ich zuvor mit Ihrer Tochter sprechen. Denn letztendlich wird es ihre Entscheidung sein, ob sie bleiben will oder nicht." Sie lächelte Sarah an. "Sarah, würdest du mir bitte folgen."
Das Mädchen legte nachdenklich den Kopf schräg, nickte dann jedoch. Die Beiden gingen einige Schritte beiseite, so dass sie außer Hörreichweite der Anderen waren.
"Henry, was bedeutet das alles?"
"Du wirst es erfahren."
"Toll.", schnappte sie.
"Was hast du in einer Schule für besonders Begabte erwartet?"
Anstatt zu antworten, knurrte sie nur leise. Henry grinste. Nach einer Weile fragte sie: "Wann warst du in Griechenland? Ich dachte, du bist schon mehrere Jahre in Toronto."
"Es ist schon eine Weile her."
"Eine wie lange Weile?", hakte sie misstrauisch nach.
"Kurz nach dem Krieg."
Vickys Augenbrauen schnellten in die Höhe und ihr Kopf drehte sich in Richtung der Frau, die im Schneidersitz mit dem Mädchen auf dem Boden saß und redete. Ein junger Mann war scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht und saß jetzt ebenfalls mit dabei. "Ist sie ein Vampir?"
Henry lachte. "Nein. Sie ist … ja, wie nenne ich das jetzt?" Er seufzte. Es war lange her, dass er so etwas erklären musste. "Sie ist ein Mensch, gehört aber einer anderen Unterart an."
"Einer anderen Unterart?" Henry fand, dass sie jetzt genau wie ihr Ex-Partner Mike klang. Der gleiche zweifelnde Unterton, der den Polizisten ständig begleitete.
"Ja, wie die Neandertaler." Als sie noch mehr die Stirn runzelte, entschied er sich, ein lebendes Beispiel anzuführen. "Du weißt, wie alt eine Kiefer im Vergleich zum Sequoia werden kann?"
"Ja, eine Kiefer wird ein paar hundert Jahre alt und ein Sequoia ein paar tausend."
"Und beides sind Kieferngewächse, trotzdem sind sie so unterschiedlich. Ist dir nie der Gedanke gekommen, dass so etwas auch bei Menschen möglich sein könnte?"
"Nicht, ohne aufzufallen."
"Nun, es ist aufgefallen. Doch der Mensch neigt gern dazu, Dinge, die er nicht versteht, zu mystifizieren."
"Wie ich sehe, bist du bereits dabei, meine Lebensgeschichte zu erzählen." Ohne, dass sie es bemerkt hatten, war Dianne wieder zu ihnen getreten.
"Nur ein kurzer Abstecher in die Biologie für ein besseres Verständnis.", erklärte Henry lächelnd. "Mein Volk war früher bedeutend weiter verbreitet, als wir es heute sind. Allerdings sind wir nicht annähernd so fruchtbar wie der Homo sapiens sapiens, so dass wir heute im Verhältnis zu Ihnen nur noch eine Handvoll sind. Dadurch fallen wir weniger auf."
"Sie sind also Telepath und leben seit ein paar tausend Jahren?"
Empört sah sie Henry an. "Hast du mich etwa älter gemacht, als ich bin?" An ihren Augen erkannte der Vampir, dass sie nicht wirklich empört war.
"Nein, Vicky hat ihre Schlüsse nur ein wenig zu genau gezogen."
"Ist Ihnen die griechische und die römische Mythologie vertraut?"
"Sie spielen auf Artemis und ihr römisches Gegenstück Diana an?"
Sie lachte. "So in etwa. Ja. Nur, das mit dem Gegenstück stimmt nicht so ganz. Artemis war meine Mutter."
"Wenn ich mich recht entsinne, dann war Artemis jungfräulich."
"Ein jungfräuliches Vorbild ist für Frauen der damaligen Zeit sicher besser gewesen, als eine Frau, die es lediglich vorzog, nicht zu heiraten. Wie Henry vorhin so treffend sagte, die Menschen neigen dazu, Dinge zu mystifizieren und dazu gehört auch, dass sie manche Dinge so drehen, wie sie es gern hätten."
"Und was ist mit Apollo? Er kann schlecht Ihrer beider Bruder gewesen sein."
"War er auch nicht. Er war mein Onkel. Doch wie sie vielleicht sehen, altern wir ein wenig anders, als es bei Ihnen üblich ist. Zudem sehe ich meiner Mutter sehr ähnlich. Was die menschliche Fantasie daraus macht, können Sie sich sicher vorstellen."
"Leben die Beiden noch?"
"Nein. Sie starben bereits vor etwa 680 Jahren." Sie blickte von Einem zum Anderen. "Ich denke, das ist genug Information für einen Abend. Sarah ist sehr müde. Ich bezweifle, dass sie heute Nacht viele für sie entscheidende Informationen aufnehmen kann. Ebenso wenig wie Sie, Mr. Jeffries. Ich schlage vor, dass ich Ihnen die Gästezimmer zeige und wir alles weitere morgen im Laufe des Tages besprechen."
"Das ist nicht möglich.", widersprach Vicky.
"Machen Sie sich um Henry keine Sorgen. Er wird in Sicherheit sein." Sie lächelte den Vampir auf eine Art an, die diesem einen wohligen Schauer den Rücken hinunterlaufen ließ.
"Henry?"
Er blickte Vicky nicht an, als er antwortete. Seine Augen waren gefangen im Blick von Dianne.
"Wie sie schon sagte, mach dir um mich keine Sorgen."

***

Ekstatisch bäumten sich die Körper der beiden Liebenden auf. Henry löste die Lippen von ihrem Körper und rollte neben sie. Er wischte sich einen Blutstropfen von seinem Mundwinkel und leckte ihn genüsslich auf. "Du schmeckst noch genauso gut wie früher."
"Und du liebst noch genauso gut." Sie lächelte ihn an. "Warum bist du fortgegangen?"
"Es wurde zu gefährlich. Sie sind mir auf die Schliche gekommen."
"Ich hätte dich beschützen können."
"Nicht, ohne dich selbst zu gefährden."
"Ja." Sie seufzte. "Allerdings hätte es nicht viel geändert. Es wäre nur ein paar Jahrzehnte früher geschehen." Sie strich ihm eine lockige Strähne aus dem Gesicht. "Aber genug von der Vergangenheit geredet. Bist du noch hungrig?" Das süffisante Grinsen in ihrem Gesicht sprach Bände.
"Jetzt wo du fragst, ich empfinde da noch ein kleines Hüngerchen."
"Dann sollten wir doch lieber etwas dagegen tun."
Sie kletterte auf seinen Schoss und senkte ihre Lippen auf die seinen.


***

Freitag

Nach dem Frühstück führte der junge Mann vom Vorabend Vicky, Steven und Sarah ein wenig herum. Sein Name war Joshua. Er war 15 Jahre alt. Er hatte Sarah an die Hand genommen und konzentrierte sich voll auf sie. Dianne hatte erklärt, dass es wichtig war, dass das Mädchen die Dinge erfuhr, die es gern wissen wollte, sonst könne sie sich kein richtiges Bild verschaffen. Steven hatte das gut gefunden. Also folgten er und Vicky jetzt den Beiden.
Der Vater genoss es, dass sich seine Tochter hier so entspannt bewegte. Er wusste nicht, was es war, aber anscheinend fühlte sie sich schon durch die Anwesenheit von Joshua wohl. Möglicherweise lag es daran, dass auch er wie sie eine außergewöhnliche Fähigkeit hatte, nämlich die, die Gefühle von anderen zu erspüren. Steven fand, dass das eine sehr angenehme Fähigkeit war, über die er manchmal auch gern verfügen würde. Er strich sich eine kurze Haarsträhne aus der Stirn, die auf Grund der bereits jetzt schon wieder brütenden Hitze dort festklebte. So richtig hatte er sich noch nicht daran gewöhnt, die Haare etwas länger zu tragen. So lange er zurückdenken konnte, hatte er immer einen Millimeter Haarschnitt gehabt. Was gerade bei solchen Temperaturen sehr angenehm gewesen war. Seine Tochter war jedoch der Meinung, längere Haare würden ihm besser stehen.
Wenigstens hatte er ihr ausreden können, sich die Haare so lang wachsen zu lassen, wie der Vampir sie trug. Letztendlich hatten sie sich darauf geeinigt, dass er sich so eine Frisur zulegte, wie ihr Lieblingscharakter in einer Science Fiction Serie, die er sich vor einiger Zeit auf DVD gekauft hatte. Dadurch waren seine Haare im Nacken immer noch kurz, aber im oberen Bereich etwas länger.
Das Quartett besichtigte den Reitstall, die Golfanlage, den Tennisplatz, den See, den Waldlehrpfad, das Observatorium und ein paar der umliegenden Wohnbereiche. Es gab noch bedeutend mehr zu sehen, doch das war kaum alles an einem Tag zu schaffen. Am meisten faszinierten Steve die Wohnbereiche. Es gab mehrere kleine Ein- und auch ein paar Zweifamilienhäuser verteilt auf dem Gelände. Hier wohnten ganze Familien, unter anderem auch die von Joshua. Seine Eltern waren der Elektriker und die Köchin der Schule. Sie lebten hier ein ganz normales Familienleben wie in jeder anderen Kleinstadt oder Dorfgemeinde, mit dem Unterschied, dass in den Schulferien die Kleinstadt nahezu ausgestorben war und vor allem Joshuas Mutter ebenfalls Ferien hatte. Joshua erzählte, dass sie ab und zu ganz normal in den Sommerurlaub fuhren, wie jede andere Familie auch. Dieses Jahr hatte seine Mutter aber einige Zuchtexperimente im Gemüsegarten laufen, weshalb sie sich lieber um ihre Pflanzen kümmern wollte. Aber ihm wurde trotzdem nicht langweilig. Er konnte angeln gehen und kümmerte sich mit um die Pferde und die Ziegen.
Lachend lief Sarah zu einer Ziege und legte ihr die Arme um den Hals, als sie den Ziegenstall besichtigten. Steven ging das Herz auf. Er sah jetzt schon, dass seine Tochter diesen Ort mochte.
Und er hatte das Gefühl, dass auch er sich hier wohl fühlen könnte. Zu tun gab es für ihn mehr als genug. Sie hatten allein 10 schuleigene Autos und dazu kamen noch die Fahrzeuge der anwohnenden Familien. Und es war ja auch nicht so, dass er nur Autos reparieren konnte. Vielleicht kam er hier auch endlich mal dazu, etwas Zeit für sich und seine Tochter zu haben. Möglicherweise konnten sie gemeinsam reiten lernen, etwas womit Sarah ihm schon seit langem in den Ohren lag.
"Und? Was denken Sie?", fragte er leise Vicky, die neben ihm stehen geblieben war.
"Na ja, es macht einen guten Eindruck. Es ist ein gutes Zeichen, dass die Familien, die hier leben, einen eigenen Bereich haben. Fast wie in einer Kleinstadt."
"Ja, das ist mir auch aufgefallen."
"Was natürlich die Ausbildung angeht … Ich weiß es nicht."
"Das wird wohl die Zeit zeigen müssen."
"Auf jeden Fall gibt es hier keine besonderen Kids, die eine gesonderte Spezialbehandlung erhalten, so wie bei Cobb. Zumindest laut Aussage von Joshua."
"Ja."
"Und Sie denken, dass Sie sich hier wohl fühlen könnten?"
"Ja. Ich denke schon. Es wird eine Umstellung werden, sicher. Zumal hier doch einige Leute dabei sind, mit deren Fähigkeiten ich mich erst anfreunden muss."
"Telepathen?"
"Nein, das ist harmlos. Das bin ich gewöhnt. Mein Chef wusste auch immer, was ich denke. Und er war keiner." Er lachte. "Ich dachte da eher an die anderen Telekineten."
"Aber Sarah ist doch auch einer." Verwirrt sah Vicky ihn an.
"Ja, und mit ihrer Fähigkeit bin ich trotzdem noch immer nicht warm geworden." Er grinste entschuldigend. "Vor allem nach der Geschichte mit Buttercup."
"Oh. Ich verstehe." Sie nickte.
"Schade, dass keine Lehrer anwesend sind. Ich hätte mir gern ein Bild von ihnen gemacht."
"Hören Sie, Steve. Wenn Sie hier bleiben und nach einer Weile merken, dass es doch nichts ist. Und es vielleicht Schwierigkeiten gibt, hier wieder wegzukommen." Sie zuckte die Schultern. "Sie haben meine Nummer."
"Danke." Er lächelte.

***

Trotz der laufenden Ventilatoren stand die Luft nahezu in der Polizeistation. Nur wenige Besucher, freiwillige und unfreiwillige, befanden sich im Hauptraum. Die meisten hatten irgendetwas in der Hand, mit dem sie versuchten, sich etwas Kühlung zu verschaffen.
Mike legte den Stift beiseite und klappte die Akte zu. Der fein säuberliche Computerausdruck musste von ihm handsigniert werden, so waren die Vorschriften. Aber er war froh, dass er nicht mehr wie früher den kompletten Bericht von Hand schreiben musste. So ein Computer war schon in vielerlei Hinsicht eine feine Sache. Trotzdem würde er ihn dieses Wochenende nicht vermissen. Er wusste noch nicht, was er machen würde, aber auf keinen Fall an einem Computer sitzen.
Zur Zeit war es relativ ruhig auf den Straßen Torontos. Er vermutete, die potentiellen Mörder waren von der Hitze genauso genervt wie er und verkrochen sich in ihren Schlupflöchern. Ihm sollte es recht sein. Er hängte die Akte ins untere Schubfach und lockerte den Schlips. Sobald er draußen war, würde er ihn abmachen und darauf freute er sich bereits. Das Hemd klebte auch ohne Halsgurt am Körper. Er sichtete noch einmal seinen Schreibtisch. Alles war abgeschlossen. Celluci seufzte erleichtert. Er freute sich jetzt auf eine eiskalte Dusche.
"Mike?", ertönte die Stimme von Kate. Er zuckte zusammen und schloss für einen Moment die Augen. Nein, bitte nicht jetzt, dachte er genervt.
"Da ist Besuch für dich da." Mit gerunzelter Stirn sah er sie an. Doch sie zuckte nur mit den Schultern. Offensichtlich kannte sie die Person nicht. Er konnte sehen, dass hinter ihr jemand stand, aber da Kate ihm die Sicht versperrte, konnte er nicht erkennen wer. Sie trat beiseite und ließ die Person vorbei.
Eine Frau Mitte Dreißig wurde sichtbar und Mikes Augen wurden groß. "Cel?"
"Hallo Mike.", lächelte sie zurückhaltend.
"Cel!", wiederholte er mit strahlendem Gesicht. "Na, das nenne ich jetzt mal eine gelungene Überraschung."
"Stör ich?"
"Was? Nein! Wieso?"
"Na, weil du immer noch da sitzt, als wärst du dort fest gewachsen.", schmunzelte sie.
"Was? Äh." Er grinste breit, stand auf, ging auf sie zu und umarmte sie freudig.
"Uh, du brauchst dringend eine Dusche." Sie zupfte am klatschnassen Hemd auf seinem Rücken.
"Rate mal, wohin ich gerade auf dem Weg war."
"Definitiv eine gute Idee." Sie lächelte verschmitzt.
Der Detective neigte den Kopf und sah sie teils neugierig, teils misstrauisch an. "Was machst du überhaupt hier?"
"Ich habe drei Wochen Urlaub und dachte, ich könnte dich ja auch mal besuchen."
Mike runzelte die Stirn, ging aber vorerst nicht weiter darauf ein. Sie kam ihn nicht einfach mal besuchen. Das passte nicht. Aber das konnte er später immer noch klären. NACH einer kalten Dusche.
"Wo hast du deine Sachen?"
"In der Pension am Ende der Straße."
"Was? Nein. Das fällt aus. Du wohnst natürlich bei mir."
"Mike ..."
Er hob warnend den Finger. "Keinen Widerspruch. Sonst muss ich dich verhaften lassen."
Sie verdrehte die Augen, gab sich aber geschlagen.
Er schnappte sein Jackett, legte den Arm um ihre Schultern und sie verließen gemeinsam die Polizeistation.

***

Die Hitze flimmerte auf der Straße, als sie sich durch den Feierabendstau quälten. Die Klimaanlage lief auf Hochtouren, schaffte es aber kaum, die Temperatur in einem erträglichen Rahmen zu halten.
Immer wieder wanderten Mikes Augen zu Cel, die auf dem Beifahrersitz saß. Außer dem typischen Geplänkel, das immer zwischen ihnen stattfand, hatten sie noch nicht viel miteinander gesprochen.
Sie hielt die Augen geschlossen und lehnte mit dem Kopf an der Scheibe. Ihre Stirn war in Falten gelegt. Er wusste, sie hasste die Stadt, diese Menschenmassen. Dieser Ausflug musste die pure Qual für sie sein und trotzdem war sie gekommen. Und das machte ihm Sorgen. Unruhig trommelte er mit den Fingern auf dem Lenkrad.
"Magst du was trinken?"
"Hm?" Er sah sie fragend an.
"Ich hab Wasser in der Tasche. Es ist sicher nicht mehr kalt, aber es ist wenigstens flüssig." Mike nickte. Als sie sich zwischen den Sitzen nach hinten beugte, gab sie ihm einen Kuss auf die Wange. Er lächelte und neigte den Kopf so, dass er ihren berührte.
"Du hast mir gefehlt.", flüsterte sie.
"Du mir auch."
Mit der Wasserflasche in der Hand ließ sie sich wieder auf den Sitz fallen. Endlich tat sich vor ihnen eine Lücke auf und Mike konnte weiterfahren.

***

Sie stand am Fenster, als er aus der Dusche kam. Er hatte nur Shorts übergezogen und rubbelte sich jetzt mit einem Handtuch die Haare trocken. Die Sonne ging gerade über den Häusern unter. Sie war tiefrot, was auf einen weiteren heißen Folgetag hinwies.
Mike ließ sich auf die Couch sinken und klopfte auf den Platz neben sich. Die dunkelhaarige Frau setzte sich zu ihm, starrte aber auf das Glas Limonade in ihrer Hand.
"So, jetzt aber raus mit der Sprache.", forderte Mike in fast typischer Polizeimanier. Nur war seine Stimme bedeutend sanfter als bei einem Verhör.
"Was meinst du?", fragte sie scheinbar verwirrt.
"Cel! Halt mich nicht für dumm. Du machst nicht einfach so mal Urlaub in einer Großstadt. Die einzige Stadt, die du freiwillig besuchst, liegt in einem Dschungel und ihre Zivilisation ist vor Hunderten von Jahren ausgestorben." Er sah ihr in ihre blauen Augen. "Was ist los?"
Sie seufzte und drehte das Glas in den Händen. Er sah, wie ihre Finger vibrierten. "Ich ..." Sie suchte nach Worten. "Ich hatte vor einem Monat einen Unfall." Mike runzelte die Stirn. "Ich wurde abgeworfen."
"Was? Die Herrin hoch zu Ross lässt sich abwerfen?" Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
"Das ist nicht witzig!", schnappte sie. "Terence hat sich dabei beide Vorderbeine gebrochen und musste erschossen werden."
Das Lächeln gefror und wich Betroffenheit. Er wusste, wie sehr sie an dem Pferd gehangen hatte.
"Das tut mir leid." Sanft strich er ihr eine Strähne aus dem Gesicht.
Sie schloss für einen Moment die Augen und legte ihre Wange in seine Hand, bevor er sie wieder wegzog.
"Mich hatte es komplett ausgeknockt. Wenn es nach den Ärzten gegangen wäre, hätte ich eine Woche im Krankenhaus bleiben müssen."
Mike brauste auf. "Wieso erfahre ich davon nichts? Werde ich jetzt nicht einmal mehr angerufen, wenn dir was passiert?! Hast du mich schon so sehr aus deinem Leben gestrichen, dass ich nicht einmal mehr auf der Notfallliste stehe?"
"Komm wieder runter!", fauchte sie zurück. "Du rufst mich auch nicht jedes Mal an, wenn du dir im Dienst eine Gehirnerschütterung zuziehst. Oder sehe ich das falsch?!"
Der Mann knurrte unzufrieden, schüttelte dann aber den Kopf. "Du hast Recht." Er schob seine zerzausten, noch feuchten Haare nach hinten.
"Und außerdem, wie könnte ich dich aus meinem Leben streichen?" Sie sah ihn liebevoll an. "Ich wollte einfach nicht, dass du dir unnötig Sorgen machst."
Er lächelte. "Lass mich raten, du hast dich spätestens am nächsten Tag nach Hause schicken lassen, weil du es im Krankenhaus nicht ausgehalten hast."
"Du kennst mich eben doch zu gut."
Mike setzte einen gespielt überheblichen Blick auf. "Hey, wenn ich dich nicht kenne, wer dann?" Die Frau lachte.
"Das ist noch nicht alles, oder?", nahm Mike misstrauisch den Faden wieder auf.
"Nein." Sie runzelte die Stirn. "Ich hatte Probleme mit dem Sehen, immer wieder so merkwürdige Lichtblitze, schob es aber auf die Gehirnerschütterung. Schließlich hatten die Ärzte nichts diesbezüglich gesagt, also hab ich mir auch nichts weiter dabei gedacht. Aber als es nach einer Weile immer noch nicht besser wurde, bin ich doch zu meiner Ärztin. Sie hat bei der Untersuchung Unregelmäßigkeiten festgestellt." Sie seufzte. "Na ja, Augen sind nicht gerade ihr Spezialgebiet. Also hat sie Fotos vom Inneren meiner Augen gemacht und die Bilder an eine Spezialistin geschickt." Sie starrte wieder auf ihr Glas. "Vor drei Tagen sind die Ergebnisse gekommen." Schweigend sah Mike sie an. Er ahnte, dass ihm das, was er zu hören bekommen würde, nicht gefallen würde.
"Durch den Sturz hat sich ein Riss an meiner Netzhaut gebildet, der zu einer teilweisen Ablösung führte. Ich kann zwar durch eine Laserbehandlung ein Fortschreiten der Ablösung verhindern, aber ich werde auf dem linken Auge nie wieder 100 Prozent sehen können." Tränen traten ihr in die Augen und die letzten Worte wurden von einem Schluchzen begleitet.
Mike zog sie an sich und sie weinte leise an seiner Brust. Ihm war zum Schreien zumute. Es war nicht das erste Mal, dass er so etwas erlebte. Nur hatte Vicky ihn von sich gestoßen anstatt zu ihm zu kommen. Aber Cel war hier. Sie war zu ihm gekommen und brauchte ihn. Doch er fühlte sich hilflos. Was konnte er schon ausrichten? Wie konnte ausgerechnet er ihr helfen? Er konnte nur für sie da sein, aber das fühlte sich so wenig an, so unnütz.
Langsam ließ ihr Zittern nach und er spürte, wie sie sich wieder entspannte. Sie setzte sich auf und er gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Dann lehnte er seine Stirn an ihre und flüsterte: "Egal was passiert. Ich bin immer für dich da. Ich weiß zwar nicht, wie ich dir helfen kann, aber ich werde alles tun, was in meiner Macht steht. Alles!"
"Ich weiß.", erwiderte sie leise.
"Was hast du jetzt vor?"
"Ich werde die Behandlung machen lassen."
"Wann?"
"Am Montag."
"Und was wird danach?" Fragend sah er sie an.
"Ich darf nicht mehr reiten, zumindest nicht im Trab oder Galopp. Das Risiko einer vollständigen Erblindung des Auges ist zu groß."
"Was bedeutet das für deine Arbeit?"
Sie schnaubte. "Ein Mountie ohne Pferd ist wie ein Angler ohne Angel."
"Büroarbeit?"
"Ja, aber nicht in der Provinz. Ich müsste dazu in eine größere Stadt versetzt werden."
Mike verzog das Gesicht. Das war es also. "Du hast gekündigt?"
"Nein, bisher nicht."
"Aber du willst?"
"Mir wird nichts anderes übrig bleiben. Ich bin zur RCMP gegangen, weil ich in der Provinz auf einem Pferd als Polizistin arbeiten konnte. Nicht, weil ich in einer Stadt an einem Schreibtisch hocken wollte."
Wieso kam ihm die ganze Situation gerade so verdammt bekannt vor? Er hatte das Gefühl, ein Déjà-vu zu erleben.
"Vicky arbeitet jetzt als Privatdetektivin, nicht wahr?", griff sie seine Gedanken auf.
"Ja, aber in Toronto."
"Auf dem Land gibt es für Privatdetektive wenig zu tun, zu wenig." Sie seufzte.
"Hast du eine Idee, was du dann machen willst?"
Sie schüttelte den Kopf. "Ich hatte gehofft, du hättest vielleicht einen Tipp für mich."
"Im Moment nicht."
"Hast du morgen Dienst?"
"Nein."
"Dann schlag ich vor, dass wir uns Pizza bestellen und einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher verbringen. Wie in alten Zeiten." Sie lächelte gezwungen.
Mike neigte den Kopf und sah sie nachdenklich an. "Wie hältst du das aus?"
"Ich versuche, es zu ignorieren."

***

Als der Tag seine Macht über Henry verlor, schnappte er wie jedes Mal fast schon panisch nach Luft. Innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde erkannte er jedoch, dass er frei war. Es drohte keine Gefahr und er konnte gehen wohin er wollte. Grinsend erinnerte er sich an die vergangene Nacht. Und er fragte sich, ob sie das nicht wiederholen konnten. Doch jetzt musste er erst einmal herausfinden, was er verpasst hatte. Er erfrischte sich und zog sich an.
"Ausgeschlafen?" Vicky begrüßte ihn am unteren Ende der Treppe.
"Könnte man so sagen.", erwiderte er. "Wie war dein Tag?"
"Geruhsam."
"Was gibt es Neues?"
"Sarah fühlt sich hier sehr wohl. Sie hat schon Freundschaft geschlossen mit einem jungen Empathen."
"Empathen?"
"Ja, so einer, der Gefühle erspüren kann und so."
"Ich weiß, was ein Empath ist."
"Du hast gefragt."
"Schon gut. Wo ist Dianne?"
"Wieso? War sie nicht da, um dich aufzuwecken?", war die schnippische Antwort.
Henry grinste. "Eifersüchtig?"
"Ich? Nie!", widersprach sie.
"Klar." Er grinste weiterhin.
"Wir müssen bald wieder fahren. Ich hab noch einen Klienten und ich kann Coreen nicht die ganze Arbeit machen lassen. Und für eine Überwachung hat sie noch viel zu wenig Erfahrung."
Henry runzelte die Stirn. Sie waren mit seinem Wagen da. Soviel zum Thema das zu wiederholen, was in der Nacht zuvor gewesen war. Er seufzte lautlos.
'Ein anderes Mal.', hörte er die Stimme in seinem Kopf.
'Liest du immer noch ungefragt anderer Leute Gedanken?', antwortete er auf gleiche Weise, ohne sich zu bewegen.
'Nur bei denen, die mich interessieren.'
Breit grinsend wandte Henry sich um. 'Ich interessiere dich also.'
'Ich habe nie aufgehört, mich für dich zu interessieren.' Dianne kam lächelnd die Treppe herunter.
"Sie werden also bald fahren." Meinte sie laut zu Vicky.
Die nickte. "Sobald Steve und Sarah bereit sind."
"Dort kommen sie schon."
Steven Jeffries sah entspannt aus und auch Sarah machte einen ausgeglichenen Eindruck.
"Müssen wir wirklich schon fahren?", fragte das Mädchen.
Dianne hockte sich vor ihr hin. "Ja. Aber wenn du möchtest, kannst du wiederkommen und auch bleiben. Ebenso wie dein Vater." Sie lächelte ihn an.
"Ist es üblich, dass die Eltern bleiben?" Henry blickte sie fragend an.
"Manchmal. Die meisten haben ein Leben in der Stadt oder der Gemeinde, auf das sie nicht verzichten wollen. Aber manche bleiben hier bei ihrem Kind. Und sie sind willkommen. Arbeit gibt es genug." Sie lächelte den Vater des Mädchens an.
"Dann fahren wir?" Vicky steckte die Hände in ihre Jeans.
"Ja. Wir telefonieren." Jeffries verabschiedete sich von Dianne.
"Ma'am.", meinte die Privatdetektivin kurz und folgte dann Vater und Tochter.
"Sehen wir uns wieder?", fragte Henry leise.
"Wenn du willst."
Er lächelte und neigte den Kopf in ihre Halsbeuge. Sie stöhnte leise auf, als sich seine spitzen Zähne durch ihre Haut bohrten und er ungeniert trank. Er spürte, wie sie ihren Körper an seinen presste. Gern wäre er jetzt mit ihr nach oben gegangen. Aber es ging nicht.
Als er wieder von ihr abließ, schmunzelte sie: "Ich interpretiere das als ein Ja."
Henry grinste und folgte den Anderen, die ungeduldig draußen am Wagen warteten.

***

Samstag Abend

Und wieder eine neue Nacht. Henry starrte in den Spiegel. Er war satt, denn er hatte genug von Dianne getrunken. Mehr als genug. Er wusste, ihr machte das nichts aus. Sie hatte von Natur aus drei Liter mehr Blut als Menschen und sie bildete es auch bedeutend schneller nach. Einer der Gründe, warum sie deutlich älter wurde. Ihre Zellen und ihr Blut regenerierten sich mit atemberaubender Geschwindigkeit. Es ähnelte seiner eigenen Regenerationsfähigkeit. Nur brauchte sie ihm Gegensatz zu ihm kein Blut dafür. Sie aß und trank wie jedes andere bekannte Lebewesen auch.
Obwohl er satt war, verspürte er Hunger. Eine andere Art von Hunger. Es war pure Lust. Lust, die er mit Vicky hatte teilen wollen, doch sie stieß ihn weiterhin von sich. Er wusste nicht, wie lange er das noch mitspielen konnte und vor allem wollte. Mit Dianne hatte er diese Lust in der Vergangenheit schon einmal gehabt und sie lebte länger. Das hatte ihn schon damals fasziniert. Eine Frau, mit der er länger als nur 60 oder 70 Jahre leben konnte, ohne dass sie alterte oder gar starb.
Sie war noch längst nicht am Ende ihres Lebens angekommen. Allein der Gedanke erregte ihn. Was hielt ihn eigentlich davon ab, ins Auto zu steigen und zu ihr zu fahren?
Unbewusst nahm er das Blinken des Anrufbeantworters wahr und bewegte sich, in erotische Gedanken versunken, in dessen Richtung. Instinktiv drückte er den Knopf, mit dem die Aufzeichnung abgespielt wurde.
"Henry? Vicky hier." Er seufzte. "Ich wollte nur Bescheid geben, dass ich heute Nacht auf Überwachung bin. Mein Klient denkt, seine Frau betrügt ihn. Es wird also tödlich langweilig. Falls du mir Gesellschaft leisten willst... Nein, vergiss es. Du hast sicher Wichtigeres zu tun. Deine Verlegerin hängt dir mit Sicherheit schon wieder im Nacken, dass du deinen Roman abschließen sollst. Also, ich schätze wir hören dann morgen voneinander." Damit hatte sie aufgelegt.
Henrys Kopf ging Richtung Zeichenbrett. Ja, seine Verlegerin saß ihm tatsächlich im Nacken. Er würde die letzten beiden Seiten abschließen, alles in einen Umschlag stecken und abschicken und dann … er grinste. Ja, er wusste, was er dann machen würde.

***

Das Klingeln des Telefons weckte Mike. Er tastete im Halbschlaf nach dem Hörer. "Celluci.", murmelte er. "Hm? Und wo?", fragte er, als sein Gegenüber eine kurze Pause einlegte. "Okay, ich bin in einer halben Stunde da." Er legte den Hörer wieder auf und drehte sich auf den Rücken. Sein Blick fiel auf die andere Hälfte des Bettes. Cel sah ihn fragend an, wie er im Dämmerlicht des Morgens erkennen konnte.
"Ein Mordfall."
"Und das an deinem freien Wochenende."
"Jap. Perfektes Timing. Wie immer. Aber wenigstens haben sie uns den Samstag gelassen. Schlaf weiter."
"Ich kann nicht schlafen.", erwiderte sie leise. Als er fragend die Stirn runzelte, ergänzte sie. "Es ist zu laut."
"Die Stadt ist definitiv nichts für dich."
"Nein."
"Willst du mitkommen?"
Sie nickte.

***

Mike parkte den Wagen direkt vor dem Haus, wo schon mehrere Fahrzeuge mit eingeschaltetem Blaulicht standen. Er selbst schaltete seines aus. Die Nachbarschaft wurde schon genug belästigt.
"Alles okay?", fragte er die Frau neben sich.
"Ja. Mach dir um mich keine Sorgen. Ich schaff das schon. Wenn bei uns ein Unfall war, sah das ungefähr genauso aus."
"Gut." Er öffnete die Fahrertür und stieg aus.
Gemeinsam gingen sie in Richtung Haus. An der Tür nickte er dem Beamten zu, der darauf achtete, dass niemand der Schaulustigen ins Haus eindrang. Cel zückte ihren Dienstausweis, der sie als Mitglied der RCMP auswies. Der Beamte zog überrascht die Augenbrauen hoch, lies sie dann aber durch.
"Kate? Was haben wir?", fragte Mike, als er das Wohnzimmer betrat.
"Ein Opfer. Weiblich. So wie es den Anschein hat erdrosselt. Vermutlich vor weniger als zwei Stunden. Aber das wird der Coroner noch abgleichen." Sie entdeckte die Frau vom Freitag und sah ihn fragend an.
"Ihr habt euch noch nicht miteinander bekannt gemacht, oder?"
"Nein." Kate runzelte die Stirn.
"Cel, das ist Kate Lam. Kate, dass ist Celia Celluci, meine Schwester."
"Freut mich, Sie kennenzulernen. Er hat überhaupt nicht erwähnt, dass er eine Schwester hat." "Ja, so ist er. Über die Familie redet er sehr ungern." Die beiden Frauen reichten sich die Hand.
"Darf ich mich ein wenig umsehen?"
Kates Blick wanderte fragend zu Mike. "Sie ist bei der RCMP."
"Oh. Okay. Dann kennen Sie ja die Regeln."
"Nichts ohne Handschuhe anfassen, nichts durcheinander bringen … schon klar."
Mike folgte Cel mit dem Blick, als sie zu einem Spurensicherungstechniker ging und sich Handschuhe geben ließ. Anschließend hockte sie sich neben die Leiche.
"Wer hat die Leiche gefunden?", fragte er anschließend.
"Jetzt kommt der spannende Teil." Celluci runzelte die Stirn. Kate deutete ins angrenzende Zimmer.
Mike ging an einem Beamten der Spurensicherung vorbei und betrat den Nebenraum. Innerhalb einer Sekunde hatte er die Situation erfasst.
"Vicky." Der Name erklang mehr in Form eines erschöpften Stöhnens, als dass er ihn ausgesprochen hätte. "Wieso wundert mich das jetzt überhaupt nicht?"
"Hallo Mike."
"Du hast die Leiche gefunden?"
"Nein, mein Klient." Sie deutete auf den Mann, der aufgelöst in einem Sessel saß. "Aber er hat mich sofort reingeholt. Ich hab gleich angerufen."
"Gut. Wo ist dein Freund?"
"Wenn du Henry meinst, der ist nicht hier."
"Du machst alleine Nachtschicht?" Skeptisch sah er sie an. Mit ihren kaputten Augen war sie immerhin praktisch nachtblind.
"Der Coroner will wissen, ob er die Leiche abtransportieren kann." Cel war hinter sie getreten. "Ist irgendwas Besonderes dran?"
"Das, was mir ins Auge gefallen ist, hab ich fotografieren lassen."
"Gut. Ja, er kann sie mitnehmen."
Vicky blickte ihr skeptisch nach, als sie den Raum wieder verließ. "Hab ich was nicht mitbekommen? Seit wann hast du eine neue Partnerin?"
"Eifersüchtig?"
"Wieso denken immer alle gleich, ich bin eifersüchtig?", schnappte sie.
"Keine Ahnung. Vielleicht, weil du immer gleich zickig wirst, wenn du eine andere Frau im Revier siehst."
"Ich bin überhaupt nicht zickig!"
"Ladies. Keinen Streit." Cel war wieder zurückgekommen, und hatte einen Teil der Diskussion mitbekommen.
Mike zeigte auf sich und formte mit den Lippen ein lautloses 'Ladies?'. Cel schmunzelte ihn an.
"Sie müssen Vicky sein.", stellte sie fest und reichte der Frau die Hand.
"Wie kommen Sie darauf?"
"Es gibt nur eine Frau, mit der er sich derart streitet." Sie zeigte auf Mike. Celluci verdrehte die Augen.
"Und mit wem habe ICH das Vergnügen?"
"Celia Celluci, RCMP."
"Celia Celluci? DIE Celia Celluci?"
"Soweit ich weiß, ist der Name in den letzten 150 Jahren nur einmal in unserer Familie vorgekommen."
"Ich dachte, Sie hassen Großstädte."
"Das tue ich auch. Aber manchmal lässt es sich nicht vermeiden. Und dann ist es gut, wenn man das Notwendige mit dem Angenehmen verbinden kann." Sie lächelte Mike an.
"Wohl wahr."
"Sie haben die Leiche gefunden?"
"Nein, mein Klient." Erneut zeigte Vicky auf das Elend hinter sich, dass mittlerweile Gesellschaft von einem psychologischen Betreuer bekommen hatte. "Ich wurde für die Überwachung seiner Frau angeheuert. Er vermutete, dass sie ihn betrügt und nur wegen des Geldes mit ihm zusammen bleibt."
"Sie haben eine nächtliche Überwachung gemacht? Und das mit Retinitis pigmentosa?"
Ein wütender Blick ging von Vicky in Mikes Richtung.
"Er hat damals jemanden gebraucht, mit dem er darüber reden konnte. Wäre es Ihnen lieber gewesen, er hätte mit Crowley darüber gesprochen?"
Mike atmete erleichtert auf. Er wusste, Cel hatte den wunden Punkt bei Vicky getroffen. Crowley wäre die letzte Person gewesen, mit der er über ihre Augenprobleme hätte reden dürfen. Sie hätte ihn stehenden Fußes dafür erschossen.
"Okay, Sie haben Recht. Tut mir leid. Es ist nur …"
"Schon gut. Sie müssen sich nicht rechtfertigen. Ich finde es nur recht ungewöhnlich, dass Sie trotzdem eine nächtliche Überwachung machen können."
"Ich habe eine Kamera dabei, mit der ich gegebenenfalls hätte Aufnahmen machen können."
"Clever."
"Wie kannst du Fotos von etwas machen, das du nicht siehst?", hakte Mike nach.
"In dem Sie den Fokus auf Automatik stellt und ein Weitwinkelobjektiv und maximale Auflösung wählt.", antwortete seine Schwester an ihrer Stelle.
"Außerdem sitze ich bereits seit heute Nachmittag vorm Haus und da war es noch hell.", ergänzte die Privatdetektivin.
"Erzählen Sie weiter.", bat Cel.
"Ich habe also seit heute Nachmittag auf der anderen Straßenseite auf einer Bank unter einer Trauerweide gesessen und das Haus unauffällig beobachtet. Mein Mandant kam gegen 3.15 Uhr nach Hause. Keine Minute später hörte ich ihn aufschreien und dann kam er auch schon rausgelaufen. Ich bin zu ihm rüber und wir sind gemeinsam ins Haus. Sie lag im Wohnzimmer. Ich hab angerufen und den Rest kennen Sie."
Mike sah, wie Celia nachdenklich den Mann beobachtete. "Hast du irgendwas mitbekommen? Kate sagte, der Tod muss in den letzten 2 Stunden eingetreten sein."
"Nein. Gar nichts. Sie war den ganzen Tag im Haus. Ich hab sie nur einmal draußen beobachtet, als sie die Blumen im Vorgarten gegossen hat. Das war gegen 9.00 Uhr abends."
"Also können wir sagen, sie wurde zuletzt 9.00 Uhr abends lebend gesehen."
"Ja."
Cellucis Blick blieb wieder an Celias Gesicht hängen. Sie hatte die Stirn in tiefe Falten gelegt. "Okay. Gib deine Aussage bitte zu Protokoll."
"Klar."
"War nett, Sie mal zu treffen." Vicky wandte sich lächelnd an Cel.
"Hm? Ja, ebenso." Die Frauen reichten sich erneut die Hand und dann ging die Privatermittlerin.
"Alles okay?", fragte Mike, als sie weg war.
"Hier passt was nicht."
"Was meinst du?"
"Er sieht aus, als wäre er am Boden zerstört."
"Er hat gerade seine Frau verloren."
"Michael Celluci, wann wirst du jemals richtig zuhören?"
"Was?" Er hob abwehrend die Hände.
"Ich sagte, er SIEHT AUS, als wäre er am Boden zerstört."
"Du meinst, er ist es nicht."
"Nein. Kein bisschen." Die Beiden sahen sich in die Augen und Mike wusste Bescheid.

***